„Ich bin Giulietta. Ohne Herz wären wir nur Maschinen“

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Herz ist Trumpf!

In einem historischen Alfa Romeo durch die Toskana zu fahren, ist für Autoliebhaber ein reines Vergnügen.

Ohne Zweifel, sie hat Charakter, und einen wohlklingenden Namen hat sie auch: Giulietta. Fünf Monate hatte Alfredo Mazzuoli damals auf seine Giulietta warten müssen. Damals, das war 1961, als die Capri-grüne Giulietta Sprint, ein Hochzeitsgeschenk des Schwiegervaters, nach langer Lieferzeit endlich eingetroffen war. Die Flitterwochen konnten also beginnen, und die Mazzuolis machten sich alsbald mit ihrem neuen Automobil auf den Weg von Siena nach Barcelona und Madrid.

Immer dann, wenn sie einen Stopp einlegten, stand schnell eine Menschentraube um ihren Wagen. Schließlich gab es selbst in Italien einen Alfa Romeo nicht so oft zu sehen, denn das Fahrzeug hatte damals in etwa den Gegenwert einer kleinen Eigentumswohnung. Drei Wochen dauerte die Rundreise, und Alfredo Mazzuoli erinnert sich noch sehr genau, dass jeden Abend zuerst eine Garage für Giulietta gefunden werden musste, bevor man sich auf Hotelsuche machte. „Das Auto war schließlich wichtiger als das eigene Bett“, sagt der heute 76-Jährige.

Solch ausgeprägte Leidenschaft für Autos ist inzwischen wieder beispielhaft, wenn es um Oldtimer geht. Allein in Deutschland rollten im vergangenen Jahr mehr Oldtimer über die Straßen als je zuvor. Ein historisches Kennzeichen, das jeden Wagen, der älter als 30 Jahre ist, quasi zum Kulturgut adelt, hatten laut Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg mehr als 210 000 Fahrzeuge. Vor zehn Jahren waren es gerade mal gut 80 000 gewesen.

Badesse oder Badesee? Da hilft nur ein Blick in den Routenplaner

Im Schnitt 40 000 Euro muss heute bezahlen, wer sich eine fahrtüchtige Giulietta aus den 1960ern kaufen will – Folgekosten nicht mitgerechnet. Da verwundert es nicht, dass das Interesse an Oldtimer-Reisen wächst, wo man doch für einen Bruchteil des Geldes zumindest Oldtimer-Fahrer auf Zeit sein kann. „Nostalgic“ nennt sich deshalb auch ein Münchner Veranstalter, der mit Alfa-Romeo-Oldtimern Privat- und Incentive-Reisen in die automobile Vergangenheit anbietet. Beim Anblick der Oldtimer-Flotte kriegen selbst Autokenner leuchtende Augen: neun Giulia Spider, vier Giulietta Spider, zwei Alfa Romeo 2600 Spider, vier Giulia Spider Veloce, zwei Giulia GTC, sieben Alfa Romeo 2000 Spider Veloce, einen Gran Sport Quattroruote und eine Giulia Super 1.6. Ein Alfa Romeo macht zwar aus einem Immobilienmakler noch keinen Rennfahrer, aber wo könnte er diese Autos stilvoller fahren als in ihrer italienischen Heimat.

Gerade die Toskana gilt als typisches Ziel kultivierter Individualreisender. Diese Region mit dem Automobil zu entdecken, gestaltet sich als besonders reizvoll, weil sich die bilderbuchmäßige Hügellandschaft meist kilometerweit überblicken lässt. Diese für die Toskana so typische Landschaft war einst von finanzkräftigen Kaufmannsfamilien als Gesamtkunstwerk gestaltet worden. Sie setzten Gehöfte auf die Hügelkuppen und pflanzten Zypressen, die hier ursprünglich gar nicht beheimatet waren, aus rein ästhetischen Gründen. Bei dieser geometrisch perfekt strukturierten Landschaft gelingt es selbst Fotoamateuren, ihren Oldtimer für eine postkartenreife Aufnahme in Szene zu setzen.

Bei all den lukrativen Fotostopps schafft man es dann gerade noch rechtzeitig zum Abendessen nach Volpaia in die Osteria Bottega di Volpaia. Dort werden auf einer Terrasse mit weitreichendem Blick über die Ländereien große Schüsseln aufgetragen, von denen sich die Gäste reichlieh bedienen. Alles stammt aus der Chianti-Region, gekocht von der Eigentümerin Carla Barucci und ihrer Mutter Gina: Carpaccio vom Bündnerfleisch auf einem Bett aus Rucola und Parmesan, hausgemachte Ravioli in zerlassener Salbeibutter, Hühnchen mit Zwiebeln, Kalbskarree nach einem Geheimrezept der Chefin.

Die traditionelle Küche ist hier ein sinnliches Erlebnis, so sinnlich wie die Fahrt in einem alten Alfa-Cabrio. Denn Fahrzeuge mit Charakter haben unter den vorwiegend gesichtslosen Neuwagen heute Seltenheitswert. Das Auto als Massenware berührt die Menschen emotional weit weniger als früher. Vermutlich vermisst man bei Fiat längst die verblasste Strahlkraft alter Alfa-Romeo-Tage und müht sich redlich, den modernen Blechkübeln ein wenig mehr Seele einzuhauchen. Säuselt doch im aktuellen Werbespot eine laszive Frauenstimme: „Ich bin Giulietta. Ohne Herz wären wir nur Maschinen.“

Dabei ist der Oldtimer unter den Giuliettas ein Auto ganz ohne Extras: keine Sicherheitsgurte, kein Navigationssystem, keine Servolenkung, keine Nackenstützen, keine elektronisch gesteuerten Außenspiegel, kein Rückstoßpiepser, und sämtliche Pedale wollen mit Nachdruck bedient werden. Auch das Fernlicht wird übrigens über ein Fußpedal betätigt. So mancher Geschäftsführer bekommt wieder die nötige Bodenhaftung, wenn er erst einmal auf dem Fahrersitz Platz genommen hat und eine der widerspenstigen Giulias oder Giuliettas selber zähmen soll. Denn die Sportwagenphilosophie aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist ausgesprochen puristisch. Das Herunterschalten der Gänge funktioniert nur mit sogenanntem Zwischengas, wofür ein flinkes und geschicktes Fußspiel vonnöten ist, anderenfalls kann eine Giulietta schon mal ziemlich unangenehm fauchen.

Dass viele Oldtimer-Besitzer ihr Fahrzeug dennoch manchmal wie ein Familienmitglied behandeln, wundert einen nicht, denn das Auto scheint gewissermaßen zu leben. Es verströmt nämlich unablässig den intensiven Geruch von Leder und Motorenöl. Dieser unverwechselbare Duft einer Autowerkstatt findet seine Anhänger, nicht nur unter den Freizeitlenkern. Auf dem Weg nach Siena landet eine Singzikade im offenen Cabrio und stimmt von der Rückbank aus ein heiteres Konzert an. Ob es wohl in Siena auch eine Contrada der Zikade gibt, fragt man sich.

Besonders die geheimbündlerischen Züge der Stadt faszinieren fremde Besucher immer wieder. Und die Contrade Sienas sind weit mehr als nur verschiedene Stadtviertel. Es sind verschworene Clans, die nach ihren Wappen – meist Tieren – benannt sind. Egal ob Gans, Adler oder Schnecke – die Sieneser glauben fest daran, dass es dieser Art erweitertem Familienverband zu verdanken ist, dass die Stadt kaum Probleme hat. Denn in diesem sozialen Netzwerk kümmere man sich um seine Nachbarn. Die Fehden zwischen den verschiedenen Stadtvierteln wurden schon immer im Palio ausgetragen, einem der härtesten Pferderennen der Welt. Deshalb sind die Sieneser nun besonders darüber empört, dass die italienische Tourismusministerin schon mal darüber nachgedacht hat, den bereits seit dem Mittelalter durchgeführten Palio wegen Tierquälerei zu verbieten.

Die Piazza del Campo, die sich als geziegelter Fächer überraschend zwischen den engen Gassen im Herzen der Stadt auftut, ist zwei Mal im Jahr Schauplatz des berühmten Spektakels. Das Rennen dauert nur 100 Sekunden, geritten wird ohne Sattel und erlaubt ist alles, was den Gegner der anderen Contrada behindert. Es gewinnt das schnellste Pferd, selbst wenn es ohne Reiter ankommt.

Um Geschwindigkeit geht es zum Glück bei den Alfa-Ausfahrten nicht. Es ist überhaupt nicht von Bedeutung, dass der Tacho sich höchstenfalls bei 100 einpendelt. Mit einem Oldtimer rast man schließlich nicht, man gleitet durch Stadt und Landschaft. Auch damit alle Passanten am Wegesrand ein wenig an dem Spaß teilhaben können. Dabei wird vor lauter In-die-Landschaft-Gucken die Orientierung manches Mal zur Herausforderung, und man dreht schon mal ein paar Ehrenrunden im Kreisverkehr, bis man sich der richtigen Abzweigung ganz sicher ist.

Sobald es auf dieser Landpartie auf die Streckenführung ankommt, greift man am besten gleich zum Roadbook. Einen solchen Routenplaner zu lesen, ist allerdings eine Philosophie für sich. Meistens erledigen das die Beifahrerinnen, oft unter dem Gemecker ihrer männlichen Begleiter. Er: „Du kannst einfach keine Karten lesen.“ Sie: „Dann rück rüber und lass lieber mich fahren.“ Sie drückt ihm das Ringbuch in die Hand, und er sagt an: „Nächste Ausfahrt Badesee.“ „Na, geht doch“, sagt sie und versaust glatt die Ausfahrt, weil Badesse ein Ort und kein See zum Baden ist.

Egal, schließlich hat man heute keinen Termin mehr, und irgendwann findet jeder Freizeit-Alfista den Weg zurück zum Hotel. Dort bekommen die Giulias und Giuliettas dann auf dem Parkplatz graue und rote Schlafanzüge für die Nacht. Der Schonbezug soll die Cabrios vor Regen und begehrlichen Blicken schützen, denn das Verdeck auf- und abzubauen ist eine langwierige Fieselei, die besser kein Gast macht.

Auch Alfredo Mazzuolis Giulietta trägt schon lange einen Schlafanzug. 30 Jahre dauert ihr Winterschlaf in der Garage nun schon. Gerade mal 14 000 Kilometer zeigt der Tacho an. Niemand darf sie mehr fahren, auch Sohn Bruno nicht, der Rennfahrer bei Alfa Romeo ist. Für Alfredo ist seine Giulietta keine Geldanlage und schon gar kein Modetrend. Sie ist eine Herzensangelegenheit. Und die bewahrt er als Erinnerung auf wie eine Braut ihr Brautkleid.

Text: Margit Kohl

19. Mai 2011