„Es ist zum Heulen, zum Heulen schön!“

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Einmal einen richtig spritzigen Oldtimer fahren: Der Reiseveranstalter Nostalgic lässt seine Gäste mit alten Alfa Romeos durch reizvolle Landschaften cruisen

Spider fahren mit Giulia

Es ist zum Heulen, zum Heulen schön! Mild scheint die Sonne, das nahe Meer rauscht, ein lauer Wind weht, vier rote und zwei schwarze Alfa Romeo Giulia Spider aus der Mitte der sechziger Jahre stehen in einer Reihe. Die technischen Kleinode funkeln im sanften Licht der Côte dAzur und scheinen genau hierher zu gehören, auf den Parkplatz vor dem grandiosen Hotel Carlton an der Croisette, in dem genächtigt wird und die Zimmer im obersten Stockwerk nach Cary Grant und Grace Kelly benannt sind. Hölzerne Lenkräder, lederne Interieurs und die Aura aus 50 Jahren reizen die Sinne der umstehenden Autofans.

Die Oldtimer-Parade gehört zum Wagenpark des Reiseveranstalters Nostalgic der beiden Südtiroler Walter Laimer und Gert Pichler. Seit sie 2002 auf Sizilien gemeinsam an einer historischen Rallye teilnahmen, gilt ihr Streben der Wiedererweckung des «Dolce Vita». Sie wollen das Lebensgefühl im Italien der Hochkonjunktur auferstehen lassen, als dort die schönsten Autos der Welt hergestellt wurden, mit denen wiederum das prachtvollste Land Europas erkundet werden konnte. So finden denn auch die meisten der Nostalgic-Reisen auf dem Stiefel statt: In der Toskana, am Lago Maggiore, auf Sizilien und in den Dolomiten. Eine weitere beliebte Destination ist die Côte dAzur, wohin Nostalgic eine kleine Gruppe europäischer Journalisten eingeladen hat. Sie stehen vor den Autos wie Kinder vor dem Weihnachtsbaum, denn: Sie dürfen diese eleganten Flitzer bald fahren und können es sich noch gar nicht richtig vorstellen.

Schliesslich ist es so weit. Doch kein Start ohne kurze Einweisung, denn ganz so einfach sind die Flitzer für verwöhnte Fahrer von heute nicht zu steuern. Man muss beim Herunterschalten der Gänge an das Zwischengas denken, beim Kurvendrehen hilft keine Servolenkung, und die Pedale müssen mit ganzer Kraft durchgedrückt werden, um den Motor in Schwung oder zum Bremsen zu bringen. Dann setzt man sich auf die nicht gerade nach neusten Standards gepolsterten Sitze. Aber was für ein Schauen das ist: die wunderschönen, altmodischen Drehknöpfe, Tachometer und Kilometerzähler! Das hübsch kleine Handschuhfach (in das tatsächlich nicht viel mehr als ein paar Handschuhe passt) und die Absenz jeglicher modernen Displays und Drucktasten.

Wenn man den Motor anlässt, vibriert der Wagen leicht, und der bleistarke Benzinduft verteilt sich rund um das Gefährt. Handbremse raus, Gang rein, ganz sanft Gas geben. Dieser Klang! Der Wagen setzt sich sachte in Bewegung, und schon bei der ersten kleinen Biegung wird klar, dass steuern hier Arbeit bedeutet. Arbeit aber, die immer Spass macht. Wir sollen uns auf den Weg in die hügelige Gegend um das Tanneron-Massiv machen. Die ersten Kilometer aber fahren wir durch urbane Umgebung, drehen uns in Verkehrskreiseln, schalten vom 2. in den 3. Gang und wieder zurück. So intensiv ist man mit Hebeln und Drehen beschäftigt, dass man auf den ersten Kilometern, auf denen man froh ist, das Auto rechtzeitig vor dem Vordermann zum Halten zu bringen, nicht mitbekommt, wie Menschen winken, wie der Fahrtwind um die Ohren bläst und wie gut sich das glatte Steuerrad in den (feuchten) Händen anfühlt.
Weiter vorne und weiter hinten erspäht man auf langen Strecken oder in grossen Kreiseln die Kollegen, die ebenso konzentriert hinter dem Steuerrad sitzen und dennoch Passanten zurückwinken, die am Strassenrand stehen und begeistert auf den kleinen Autokorso reagieren, der mit blauen Abgaswolken an ihnen vorbeiröhrt. Nach rund 10 Kilometern wird man unbekümmerter und traut sich, seinen Oldtimer auf der Überlandstrasse bis auf 80 oder 90 Stundenkilometer zu beschleunigen. Nur nicht den Bremsweg vergessen, denn bereits ist die nächste Ampel zu sehen, die bald auf Rot schalten müsste.

Schliesslich führt die vorgegebene Route, die im mitgeführten Roadbook verzeichnet ist, in Richtung Hügel. Die Kurven werden weiter, der Fahrtwind frischer, vielleicht hätte man sich doch – wie in vielen alten Filmen zu beobachten – einen leichten Schal aus Seide um den Hals binden sollen. Und auch eine Mütze oder ein Sommerhut mit Kinnriemen wäre keine vergebliche Anschaffung gewesen. Die Bergfahrt macht das Schalten nicht einfacher, eifrig ist man am Hebeln, Bremsen und Steuern, immerhin kommt man ab und an dazu, die wunderbare Landschaft zu gemessen, in der man sich vollkommen aufgehoben fühlt. Der Alfa fährt brav und verzeiht vereinzelte Fehlschaltungen. In einem der schönsten Dörfer der Region, Gourdon, auf 758 Metern halten wir an. Hier wird die Mittagsrast eingelegt, doch muss man zunächst mit ganz modernen Problemen kämpfen: Wo findet man einen Parkplatz? Schon ist man wieder in der Gegenwart, deren Bewältigung sich noch ein wenig schwieriger gestaltet, weil man in den mittelalterlichen Gassen höchst gekonnt zirkeln muss, um die schöne Giulia nicht zu zerkratzen. Etwas Peinlicheres könnte einem in diesem Moment nicht passieren. Wenn man dann das Auto verlässt und umkreist, ein wenig wackelig noch von der Fahrt, meldet sich so etwas wie Stolz über die Gelegenheit, ein Fahrzeug aus einem Jahr zu steuern, in dem man noch nicht auf der Welt war. Und das ohne Unfall oder Kratzer!

Am Abend in einem gediegenen Restaurant in Cannes sind die Teilnehmer der Fahrt noch immer begeistert über ihr Abenteuer. Günstig sind die Reisen mit Nostalgic nicht, lohnen tut es sich für wahre Autofans aber allemal. Kein Wunder, sind es oft Firmen, die sie als «Incentive» für Angestellte buchen. Und wer sich nun Gedanken über den Verbrauch an verbleitem Benzin macht, den beruhigt Nostalgic: Für den jährlichen CO2-Ausstoss wird eine entsprechende Summe in Klimaschutzprojekte gesteckt. Das Gewissen dankt!

Text: Roberto Zimmermann

11. März 2012