„Mein geiles, kleines, rotes Cabrio“

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Oldtimertour. Alfa Romeo ist 100 Jahre alt. Wir huldigen dem Automobilklassiker mit
einer entschleunigten Genusstour rund um den Lago Maggiore. So was gibt es sonst nur im Kino.
Mein geiles kleines rotes Cabrio

Das Auto ist klein, rot und knapp ein halbes Jahrhundert alt. Dennoch: kein Kratzer,
keine Delle, nicht einmal Staubfusseln im Innenraum. Der Lack glänzt, der Beifahrer
lächelt, eine Möwe stößt ihren spitzen Schrei in den blauen Sommerhimmel, sanft
schmiegt sich die schmale Straße ans palmenumsäumte Seeufer, freundlich grüßt der
Carabiniere. Ein Film aus vergangenen Zeiten? Nein, wir schreiben das Jahr 2010 und
freuen uns des Lebens.

Und wir haben guten Grund zur Freude, denn wir sitzen in einem der – verzeihen Sie
den Ausdruck – geilsten Autos der Welt: Alfa Romeo Giulia 1600 Spider, Cabrio,
Ledersitze, dreispeichiges Holzlenkrad, Armaturen mit Chromringen, zarte
Fensterheber, schmale Reifen, leichtgewichtig, Fünf-Gang-Getriebe – und das alles in
der Veloce-Version mit 112 PS, Spitzengeschwindigkeit 200 Stundenkilometer. Wow!
Dieses Auto ist wahrlich eine der Krönungen der nunmehr 100-jährigen Geschichte von
Alfa Romeo, und es ist auf dem Markt nicht mehr leicht zu bekommen. Wir befinden
uns in einem der insgesamt 26 Fahrzeuge der Flotte von „Nostalgic“, einem Münchner
Reiseveranstalter, der von den beiden Freunden Walter Laimer und Gert Pichler mit
scharfem Blick fürs Detail und der Leidenschaft für alte Alfas geleitet wird.
„Zwischengas!“, hat uns Walter Laimer beim Fahrerbriefing noch mit auf den Weg
gegeben. „Zwischengas. Ist jedem klar, was das bedeutet?“ Und alle haben wir in die
Luft geschaut.

„Also, ich erklär das mit dem Zwischengas noch mal.“ Walter Laimer kennt seine
Kunden. Wir spitzen die Ohren und hören gut zu. „Bbrrrrruummmmm!“ Auf den ersten
Metern mit einem 40, 50 Jahre alten Automobil erlebt jeder unbedarfte Europäer einen
Kulturschock. Es ist nicht einfach zu begreifen, aber es lebt! Das Auto vibriert, atmet
und duftet nach Benzin! Keine Gurte fesseln uns an die dünnen, kopfstützenlosen Sitze,
das große Lenkrad verzichtet auf Servounterstützung, und die stehenden Pedale wollen
mit Nachdruck betätigt werden.

Tanz auf den Pedalen

Besonders das mittlere, das Bremspedal: Spätestens nach der ersten Bremsung
füngiert es als mentaler Tempomat. Das Auto reagiert unendlich viel langsamer als
alles andere, was wir je gefahren sind. Also entschleunigen wir. Und irgendwann kurven
wir völlig entspannt rund um den Lago Maggiore, synchronisieren den Tanz auf den
Pedalen mit den Zahnrädern des Getriebes, mit dem Roadbook auf dem Schoß
schweben wir losgelöst durch den Nachmittag. Wie durch eine klassische Sonnenbrille
streift der Blick durch die chromumrandete Windschutzscheibe, die sanften Schwünge
der Wagenfront werden Teil der von Wasser und Bergen geprägten Landschaft. Und
die Reibeisenstimme der roten Giulia sorgt für den passenden Soundtrack. Wer braucht
schon Radio?

Nach undefinierbar langen 50 Kilometern die erste Kaffeepause. Beseelt vom Geist der
60er-Jahre und einem kräftigen Espresso plaudern wir mit der Besatzung des
2600er-Spider (ein herrschaftliches Fahrzeug!) über die Muskelaufbau-Qualitäten der
Lenkung, gleiten dann in die sonnengewärmten Ledersitze einer hellblauen Giulietta aus
dem Jahr 1959 und röhren los. Rechtzeitig zu Sonnenuntergang landen wir sanft im
Grand Hotel Majestic, einem Luxushotel in Verbania am Ostufer des Lago, unserer
Homebase für die nächsten drei Tage. Die Alfas schlummern bereits unter ihren roten
Kuscheldecken, als wir uns nach einem fünfgängigen Diner im Restaurant „Elvetia“ auf
der Isola Bella zu später Stunde wieder an der Hotelbar einfinden. Noch einmal lassen
wir den ersten Tag Revue passieren. Mit leuchtenden Augen werden die Charaktere der
Wagen diskutiert, wird Benzin geredet und die Autowahl für den nächsten Tag
ausbaldowert. Den leichten Muskelkater in den Arm- und Rückenmuskeln tragen wir alle
wie Trophäen.

Bbrrrrruummmmm!

Aus dem Vollen schöpfen
Der Münchner Reiseveranstalter „Nostalgic“ hat sich mit Herz und Seele den Alfas der
späten 50er-, 60er- und frühen 70er-Jahre verschrieben. Mittlerweile zählt der Fuhrpark
26 Fahrzeuge – Giulietta Spider 1300, Giulia Spider 1600, Giulia Spider Veloce, 2600
Spider, Giulia GTC, 2000 Spider. Gefahren wird mit Roadbook, Abstecher sind erlaubt,
Auto- und Beifahrerwechsel ebenso. Die angebotenen Touren sind Genussreisen und
führen nach Sizilien, in die Toskana, an den Lago Maggiore, in die Dolomiten und das
Meraner Land, an die Cote dAzur und, naja, auch an die Bayrischen Seen.
Preisbeispiel: 4 Tage am Lago Maggiore 2100 €, alles außer Flug inklusive.
www.nostalgic.de

Text: Karin Mairitsch

31. Juli 2010