„Dolce Vita mit Giulia der Spinnenfrau“

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Die Herzen der Italiener am Steuer eines klassischen Alfa Romeo erobern

Wie eng die Italianità mit dem Mythos Alfa Romeo verknüpft ist, zeigt sich bei der Fahrt in offenen Oldtimern der Mailänder Marke über die Hügel der Toskana. Ein Vergnügen der höheren Art.

«Wer im offenen Alfa gefahren ist», erinnert sich Francesca, «war sich der bewundernden Blicke sicher. In dem Auto sassen einfach die lässigsten Jungs und die hübschesten Mädchen. Die Giulia war das beste Cabriolet Italiens.» Wie die Vespa und der Cinquecento waren die offenen Giuliettas und Giulias von Alfa Romeo Inbegriff des Dolce Vita, jenes unwiederbringlichen italienischen Lebensgefühls der fünfziger und sechziger Jahre. Unwiederbringlich? Mitnichten! Dem Mythos Alfa Romeo war der in München lebende Südtiroler Gert Pichler längst selber verfallen, als er seine Idee, das besondere Gefühl der Italianità am Steuer eines klassischen Alfa auch für andere Fahrer wieder aufleben zu lassen, umsetzte.

Er begann, ein Oldtimer-Cabriolet aus der Mailänder Fabrikation nach dem anderen zu erwerben. Sein Unternehmen Nostalgic verfügt heute mit 22 Autos über den wohl größten Wagenpark an klassischen Alfa Romeo für Selbstfahrer. Nostalgic stellt ihn für organisierte Ausfahrten in Italien in der Toskana, am Lago Maggiore, auf Sizilien und in den Dolomiten bereit, weiter auch an der Côte d’Azur und den byrischen Seen.

Wie ein Kentaur in die Kurven

Wir wählten die Toskana, wollten Italiens Herzland aus anderem Blickwinkel erleben, die Zypressenalleen an uns vorbeifliegen sehen, den Duft der Olivenhaine im offenen Wagen einatmen und Blicke auf die prächtigen ziegelroten Landgüter werfen. Um uns an das Fahrverhalten der 50-jährigen Maschinen heranzutasten, wähl-
ten wir zuerst einen Giulia Spider in normaler 1600-cm3-Motorisierung, mit 90 PS. Waren wir einmal an die nur auf Fusskraft reagierenden, servolosen Bremsen gewöhnt, überraschte das keine Tonne schwere Gerät durch die Leichtigkeit, mit der es präzis auf unsere Lenkradkommandos hin durch die Kurven tänzelte. Das Motörchen mit den zwei oben liegenden Nockenwellen arbeitete wacker und animierte uns dazu, auf den stärkeren Alfa-roten Spider Veloce umzusteigen. Nur 20 PS mehr unter der Haube, aber oho. Nun verlangte das Kurvenballett, dass wir nicht mehr jedem uns zuwinkenden Tifoso gebührend die Sympathie erwidern konnten. Die Beifahrerin kam mit dem Lesen der Richtungsanweisungen im mitgegebenen Roadbook kaum mehr nach.

«Das ist, wie wenn du der Kopf und das Auto der Leib des Kentauren ist», beschrieb die Moskauer Teilnehmerin Nadia Bazhenina das Fahrgefühl in der agilen Giulia Veloce. Boris, ihr Mann, der Vorsitzende des russischen Car Collectors Club, sah in den klassischen Alfas ausserdem eines der vielen Kulturgüter, die den Sowjetbürgern vorenthalten worden waren und die sie nun als freie Russen entdecken wollen. Mehr Pferdestärken bringen nicht unbedingt mehr Fahrfreude. An diese alte Weisheit dachten wir dann nach dem Umstieg auf den grossen Touring Spider 2600 – einen Vierplätzer-Cabrio, mit einem zwar toll drehenden Reihensechszylinder aber halt eben bedeutend mehr Gewicht auf den Rädern. Ein sehr seltener Wagen und ein Fahrgefühl wie in einem schweren «Ami» aus den Sechzigern. Dass jeder Teilnehmer jedes Auto zu fahren bekommt, macht das Nostalgic-Konzept zu einer Erkundungstour durch die Welt der Alfa-Klassiker. Professionell, wie Nostalgic operiert, wird auf einem Autotransporter stets ein Ersatz-Oldtimer mitgeführt, damit nie jemand auf seine Giulia verzichten müsste.

Beim Marchese und bei der Marchesina

Autofahren alleine – und seien es selbst die schönen Giulias – würde einer Toskana-Fahrt kaum gerecht. Zwischendurch wurden die Schönheiten auch einmal schön zur Begutachtung des Publikums aufgereiht – für die Teilnehmer Zeit für eine Besichtigung Sienas oder ein Essen in einem erstklassigen Restaurant. Was aber wäre Dolce Vita ohne eine geziemende Beherbergung. Da wäre La Suvera, das Schloss von Papst Julius II., genannt «il terribile», Erfinder der Schweizergarde sowie Sponsor Michelangelos und Raffaels, in der Toskana kaum zu überbieten. Wie die eingangs erwähnte blaublütige Francesca (della Torre di Lavagna) erläuterte, baute der Marchese Ricci das auf römisches Gemäuer zurückgehende Anwesen sukzessive zu einem einzigartigen Hotel mit Museum aus. Hier befindet sich das Familienarchiv der Ricci, in den fürstlichen Gemächern nächtigen die Gäste inmitten von Kunstwerken und Antiquitäten. Zuweilen logieren die Ricci selber hier. Am Stelldichein der zu wahren Alfisti mutierten Nostalgic-Fahrer liess es sich der Marchese nicht nehmen, persönlich dabei zu sein. Seine einzige Tochter, die ebenso schöne wie kluge Marchesina Elena, wird im Mai in der Familienkirche Suveras heiraten, einen Bürgerlichen. Den Adelstitel wird sie damit los – das Juwel La Suvera behält sie.

Text: Oswald Iten

24. April 2009