Author: Gert

  • "Dolce Vita mit Giulia der Spinnenfrau"

    "Dolce Vita with the Giulia Spider Woman"

    Conquer the Hearts of Italians Behind the Wheel of a Classic Alfa Romeo

    How closely Italianità is linked to the legend of Alfa Romeo can be seen when driving in open vintage cars from the Milanese brand over the hills of Tuscany. A pleasure of a higher kind.

    “Anyone who drove in an open Alfa,” recalls Francesca, “was sure of the admiring glances. The coolest boys and the prettiest girls just sat in the car. The Giulia was the best convertible in Italy. " Like the Vespa and the Cinquecento, the open Giuliettas and Giulias from Alfa Romeo were the epitome of Dolce Vita, that irretrievable Italian lifestyle of the fifties and sixties. Irretrievable? Not at all! The South Tyrolean Gert Pichler, who lives in Munich, had long since succumbed to the myth of Alfa Romeo when he implemented his idea of ​​reviving the special feeling of Italianità at the wheel of a classic Alfa for other drivers.

    Er begann, ein Oldtimer-Cabriolet aus der Mailänder Fabrikation nach dem anderen zu erwerben. Sein Unternehmen Nostalgic verfügt heute mit 22 Autos über den wohl größten Wagenpark an klassischen Alfa Romeo für Selbstfahrer. Nostalgic stellt ihn für organisierte Ausfahrten in Italien in der Toskana, am Lago Maggiore, auf Sizilien und in den Dolomiten bereit, weiter auch an der Côte d’Azur und den byrischen Seen.

    Turning Corners like a Centaur

    We chose Tuscany because wanted to experience Italy's heartland from a different perspective, see the cypress alleys fly by, breathe the scent of the olive groves in an open car and take a look at the magnificent brick-red country estates. To get closer to the driving behavior of the 50-year-old machines, select-
    We first ran a Giulia Spider with a normal 1600 cc engine, with 90 hp. Once we were used to the servo-less brakes that only react to foot force, the device, which weighs less than a ton, surprised us with the ease with which it pranced through the curves precisely in response to our steering wheel commands. The little engine with the two overhead camshafts worked well and encouraged us to switch to the more powerful Alfa-red Spider Veloce. Only 20 hp more under the hood, but powerful. Now the curve ballet demanded that we no longer could properly return the sympathy to every Tifoso who waved to us. The co-driver barely kept up with reading the directions in the road book that was given because they were too in awe with the excitement of riding in an Alfa Romeo.

    «Das ist, wie wenn du der Kopf und das Auto der Leib des Kentauren ist», beschrieb die Moskauer Teilnehmerin Nadia Bazhenina das Fahrgefühl in der agilen Giulia Veloce. Boris, ihr Mann, der Vorsitzende des russischen Car Collectors Club, sah in den klassischen Alfas ausserdem eines der vielen Kulturgüter, die den Sowjetbürgern vorenthalten worden waren und die sie nun als freie Russen entdecken wollen. Mehr Pferdestärken bringen nicht unbedingt mehr Fahrfreude. An diese alte Weisheit dachten wir dann nach dem Umstieg auf den grossen Touring Spider 2600 – einen Vierplätzer-Cabrio, mit einem zwar toll drehenden Reihensechszylinder aber halt eben bedeutend mehr Gewicht auf den Rädern. Ein sehr seltener Wagen und ein Fahrgefühl wie in einem schweren «Ami» aus den Sechzigern. Dass jeder Teilnehmer jedes Auto zu fahren bekommt, macht das Nostalgic-Konzept zu einer Erkundungstour durch die Welt der Alfa-Klassiker. Professionell, wie Nostalgic operiert, wird auf einem Autotransporter stets ein Ersatz-Oldtimer mitgeführt, damit nie jemand auf seine Giulia verzichten müsste.

    At the Marchese and the Marchesina

    Autofahren alleine – und seien es selbst die schönen Giulias – würde einer Toskana-Fahrt kaum gerecht. Zwischendurch wurden die Schönheiten auch einmal schön zur Begutachtung des Publikums aufgereiht – für die Teilnehmer Zeit für eine Besichtigung Sienas oder ein Essen in einem erstklassigen Restaurant. Was aber wäre Dolce Vita ohne eine geziemende Beherbergung. Da wäre La Suvera, das Schloss von Papst Julius II., genannt «il terribile», Erfinder der Schweizergarde sowie Sponsor Michelangelos und Raffaels, in der Toskana kaum zu überbieten. Wie die eingangs erwähnte blaublütige Francesca (della Torre di Lavagna) erläuterte, baute der Marchese Ricci das auf römisches Gemäuer zurückgehende Anwesen sukzessive zu einem einzigartigen Hotel mit Museum aus. Hier befindet sich das Familienarchiv der Ricci, in den fürstlichen Gemächern nächtigen die Gäste inmitten von Kunstwerken und Antiquitäten. Zuweilen logieren die Ricci selber hier. Am Stelldichein der zu wahren Alfisti mutierten Nostalgic-Fahrer liess es sich der Marchese nicht nehmen, persönlich dabei zu sein. Seine einzige Tochter, die ebenso schöne wie kluge Marchesina Elena, wird im Mai in der Familienkirche Suveras heiraten, einen Bürgerlichen. Den Adelstitel wird sie damit los – das Juwel La Suvera behält sie.

    Text: Oswald Iten

    24. April 2009

  • "Zeit Maschine"

    Ein Oldtimer kann vieles sein: Geldanlage, Frauenfänger oder Groschengrab. Doch vor allem ist er ein Lebensgefühl. Und das kann man erleben, ohne es gleich zu kaufen. Mieten geht auch.

    Das Geräusch ist fürchterlich: eine Mischung aus Sand im Getriebe und Metall auf Asphalt – und das bei fast jedem Schaltvorgang. Automatisch rutsche ich etwas tiefer in den Fahrersitz, so als würde dieses fürchterliche Geräusch schwer auf meine Schultern drücken. Und ein bisschen ist es ja auch so: Es tut mir leid, furchtbar leid. Zwischengas ist absolut notwendig, wenn man vom dritten in den zweiten Gang runterschaltet. Kupplung treten. Auskuppeln. Vollgas geben. Kupplung treten. Gang einlegen. Und das Ganze bitte möglichst schnell. Doch wer bei der Bundeswehr seinerzeit nicht Lkw gefahren ist, hat damit seine liebe Mühe.

    Zum Glück bin ich nicht der Besitzer dieses wunderschönen Alfa Romeo Giulia Spider von 1962, sondern nur der Fahrer. Ein Wochenende rauschen wir mit Miet-Oldtimern durch die Toskana – alles Alfa-Romeo-Cabrios aus den 50er- und 60er-Jahren. Der Weg ist das Ziel, es geht um Erleben und Erfahren. Eine Tour in die automobile Vergangenheit, in der eh alles besser war. Zumindest der Benzinpreis. Der lag damals bei etwa 30 Cent pro Liter. Erderwärmung und Feinstaub waren noch die Probleme von Science-Fiction-Autoren, als die ersten Deutschen mit ihren VW-Käfern über die Alpen krochen und auf dem Rückweg „la dolce vita“ mit nach Hause brachten: Pasta und Alfa. Gefühlt schien fortan immer die Sonne.

    So wie an diesem Freitagmorgen, 60 Kilometer südwestlich von Florenz. Ein gemütliches Blubbern lockt die Besucher des kleinen Landhauses auf den vorgelagerten Parkplatz. Vier Zylinder, Doppelvergaser, 1000 Umdrehungen im Leerlauf, und das alles 20-mal. Im Hof laufen sich Alfas warm – dachlose Zeitmaschinen mit obenliegender Nockenwelle. Die Gäste haben jeweils 2000 Euro für dieses Wochenende bezahlt. Dafür stehen ihnen die schönsten Modelle zur Verfugung, die das Alfa-Werk in Mailand je verlassen haben. Die Flotte umfasst zwei 1300er, neun 1600er, drei 1600er-Veloce, zwei 2600er-Touring und vier Duettos — alles Spider.

    Versammelt haben sich Menschen, die gern einen Oldtimer hätten, aber keine Zeit haben, sich um das Gefährt zu kümmern. Und Frauen, die ihren Männern hier ein außergewöhnliches Geschenk präsentieren, und Männer, die sich mal selbst beschenken. Gebucht wurde über den Veranstalter Nostalgic. Seit 2003 haben sich die Münchner einen Fuhrpark von 20 Alfa Romeo Spider aufgebaut und vermieten diese für organisierte Touren durch den Süden Europas: Toskana, Lago Maggiore, Sizilien, Dolomiten oder Côte d’Azur. Wer mag, kann diese Touren voll organisiert erleben. Wer die Landschaft lieber allein erkundet, kann sich von der Gruppe lösen.

    Charmant an diesen Autos ist, dass sie nicht bis zur Seelenlosigkeit restauriert wurden. Sie alle zeigen eine gesunde Patina. Und: Sollte eine der betagten Damen ausfallen, steht immer ein Ersatzwagen bereit. In den kommenden vier Tagen liegen 427 Kilometer vor den Gästen. Treffpunkt ist immer dasselbe Landhaus. Nach dem Frühstück beginnt die Tagestour. Jeder darf sich einen Wagen aussuchen. Zum Mittag wird getauscht. Die erste Begegnung mit der Giulia ist ein erhebendes Gefühl. Es ist wie ein Date mit einer schönen Frau. Denn das Auto hat perfekte Proportionen, Die Form ist fließend. Mit etwas mehr Blech an den richtigen Stellen. Olfaktorisch eine Komposition aus Benzin und Leder. Sehr edel.

    Die Königin unter den italienischen Fräuleinwundern ist die Giulia 1600 Veloce. Veloce steht für schnell. Das war sie damals, und das ist sie noch heute. Nur 1091 Stück wurden von diesem Sportwagen gebaut, der sich damals mit Porsche 912 und Mercedes 190 SL messen konnte und nicht selten besser abschnitt. Auch preislich wilderte der Wagen im gleichen Segment. Für ein Fünfganggetriebe und ein drehfreudiges Aggregat mit 112 PS musste der Sportwagenenthusiast im Jahr 1962 etwa 14.000 Mark zahlen. Dafür bekam man schon eine 2-Zimmer- Wohnung in Rom – aber wer will schon eine Immobilie, wenn man mit so etwas Schönem mobil sein kann? Heute kostet die Begleiterin um die 35.000 Euro, alles in allem ein durchaus leichtes Mädchen.

    Die 885 Kilo lassen sich mühelos beschleunigen. Nur das Abbremsen mit den vier Trommelbremsen ist eine echte Herausforderung. Hinzu kommen das ständige Zwischengas beim Herunterschalten und eine Lenkung, die erheblich Spiel nach links und rechts hat. Es ist: einfach wunderbar. Sicherheitsgurte und Kopfstützen sucht man vergebens. Sicherheitsmängel sind in diesem Auto ein Zeichen von Originalität. Die technischen Unzulänglichkeiten machen in einer nach Perfektion strebenden Automobilwelt das Fahren zu einem ursprünglichen Erlebnis. Der Pilot ist wieder Herr und nicht Gast in seinem eigenen Auto. Die Strecke für die Tour ist in einem Roadbook vorgegeben. Es trägt den Titel: „Traumstraßen der Toskana“. Und das ist noch nicht mal eine Übertreibung. Traumhafter geht es kaum.

    Wir gleiten durch Zypressenalleen, vorbei an Weinreben und Olivenbäumen, immer den Wind in den Haaren. Als Etappenziele stehen heute Siena und Volterra auf dem Plan. Doch diese Städte sind uns eher unwichtig. Die Landschaft ist uns nur schmückendes Beiwerk einer emotionalen Vierrad-Erfahrung. Und so schlängelt sich die Kolonne auf wunderschön gezogenen Kurven durch eine Gegend, die schon Goethe begeisterte. Über Italien schrieb er, dass „hier das Große war, ist und immer sein wird“. Wobei gerade das Kleine diese Gegend groß macht. Dörfer, an denen die Zeit offenbar spurlos vorübergezogen ist. Nirgendwo passt ein Alfa Romeo Spider besser hin.

    Abends, nach vielen Kilometern, wenn es zur gemeinsamen Cena geht, sind wir fast ein wenig traurig, dass ein Tag nur dreizehn Stunden Licht spendet. Denn mit dem Alfa ist es wie mit einem guten Essen: Am besten genießt man es dort, wo es herkommt. Sonst verliert es seinen einzigartigen Geschmack.

    Und dazu gehört in unserem Fall auch das lästige Zwischengas.

    Text: Tim Gutke
    Foto: Lucas Verbeke

    Juli 2008

  • "Alfatour"

    "Alfatour"

    TOSKANA: Was kommt dem sanften Schwung dieser Landschaft gleich? Höchstens noch die Fahrt im zeitlosen Alfa-Cabrio. Wir probierten beides.

    Die Kreativität von Werbeagenturen wird oft überschätzt. Sollen sie etwa die freizeitorientierte Motorisierung mit Sportwagen, Cabrios oder Bikes bewerben, fallen ihnen die immer gleichen Sehnsuchtsmotive ein: der Highway No. 1 an Kaliforniens Küste, einsame, kurvige Bergstraßen in der Morgendämmerung oder von sommerlicher Abendsonne beschienene, in weiten Bögen an einem romantischen See verlaufende, leere Landstraßen. Oldtimer-Magazine nutzen dieselbe Strategie, um ihre Leser süchtig und das Nischengeschäft in Gang zu halten: wunderbare Fotos vom Maserati am Gardasee oder vom historischen Peugeot vor einem Lavendelfeld in der Provence lassen den Wunsch beständig weiterglühen.

    Die Praxis setzt vor solche Exkursionen freilich einige Geduldsproben. Außer dem geeigneten Gefährt kommt nicht gerade häufig eine Gelegenheit, da eine schöne Strecke einsam ist und die Sonne untergeht, wie es die Werber wollen. Ein Oldtimer macht die Sache nicht einfacher: Zunächst muss er beschafft, in Form gebracht und gehalten werden. Und dann ist die Freude darüber verhalten, im spärlich gefederten Chassis den modernen Straßenverkehr dorthin zu bewältigen, wo die Traumstraße beginnt. Oft bleibt man da lieber daheim und bewundert seinen Liebling in der Garage.

    Mit diesem Umstand vor Augen und Gespür für eine Marktlücke haben sich Walter Laimer und Gert Pichler, zwei einander schon seit Schulzeiten bekannte Südtiroler aus Meran, 2002 entschlossen, eine moderne Mobilitätsdienstleistung anzubieten, die nur einen einzigen Zweck verfolgt: den Genuss. Aber nicht nur die Freude am Fahren in Postkartenlandschaften, sondern auch die Delikatesse exquisiter Hotels und Restaurants. Nostalgic-Reisen promotet nicht die Produktion von Testosteron, sondern das genüssliche Cruisen mit alten Alfas aus den 50er- und 60er-Jahren.

    Zwanzig solcher Oldies gehören heute zur wachsenden Flotte von Nostalgic. Sie hören auf so klangvolle Namen wie Giulietta Spider, Giulia Spider Veloce und 2600 Spider. Kunstwerke aus dem Euvre der legendären Designer Gianbattista und Sergio Pininfarina, deren gekonnte Linienführung und schlichte Schönheit Passanten bis heute in Verzückung versetzt: Meist winken sie mit verklärtem Lächeln, wenn man mit typisch bollerndem Alfa-Sound durch die engen Gassen ihres Dorfes fährt und das Echo die Luft füllt.
    „Ja, Alfa-Fans sind wir beide“, braucht Walter Laimer, der studierte Jurist, nicht unbedingt betonen. „Aber es wäre falsch zu sagen, dass wir unser Hobby zum Beruf gemacht haben. Dazu lebt unser Unternehmen viel zu sehr von einer anspruchsvollen organisatorischen Leistung, die vor allem systematisches Arbeiten erfordert.“

    Eine dreitägige Toskana-Tour unter dem nicht unbedingt originellen Titel „Dolce vita“ beweist es: Da braucht man nur seine Ankunftszeit am Flughafen oder Bahnhof von Florenz ankündigen, Nostalgic kümmert sich um den Transfer ins romantische Vier-Sterne-Hotel/Weingut „II Borgo di Vèscine“. Das liegt auf einer 600 Meter hohen Hügelkette, mit atemberaubender Aussicht über das herrlichste Chianti, ganz nahe dem malerischen Radda, ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Florenz und Siena. Auf dem Parkplatz – und wie vieles hier über den Fundamenten einer Etruskersiedlung – erwartet die Wochenend-Alfisti bereits eine lange Reihe gepflegter, irgendwie ungeduldig wirkender Spider.

    Tatsächlich startet noch am selben Nachmittag, nach Aufklärung über technische Besonderheiten der Oldtimer, ein erster kurzer (50 km) Ausritt. Schon hier erfüllt die ausgewählte Wegführung verstiegenste Toskana-Klischees. Die freie Sicht aus den offenen Spidern erlaubt, Weinberge und Olivenhaine, sanfte, zypressenbestandene Hügel und verschlafene Dörfer wie Villa, Rietine und Lecchi „aufzusaugen“. Wir bewegen uns auf Landstraßen zweiter und dritter Ordnung, die auf einer modernen Karte kaum auszumachen sind. Sie heißen SS für „strada statale“ oder SR für „strada regionale“ und sind die Wirtschaftswege der Bevölkerung. Ohne das detaillierte Nostalgic-Roadbook würde man sich hier heillos verfahren. So aber darf die Szenerie, im zweiten bis vierten Gang bei gemächlichen 40 bis 90 Stundenkilometern, sorglos erfahren werden.

    Und auch, dass die Technik in den letzten 50 Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat: Beim Schalten, Lenken und Bremsen sind das Gefühl und die Kraft gefragt, die einst engagierte Automobilisten auszeichnete. Im Gegenzug gibt es das ungefilterte, direkte Fahrerlebnis, bei dem die Lenkung schon mal etwas zerrt und der zweite Gang mit einem wohldosierten Stoß Zwischengas einzulegen ist.

    Unbesorgten Chiantigenuss erlaubt hernach der Bustransfer zum Abendessen in der Bottega di Volpaia, die sich neben typischer lokaler Küche des Rufes rühmt, zu Richard Geres Lieblingslokalen zu gehören. Vor allem wegen der Tagliatelle mit Trüffelsauce würden wir uns anschließen. Am nächsten Tag drehen wir eine große Schleife über Castellina in Chianti, westlich an Siena vorbei über Quercegrossa, Monteroni d’Arbia, Asciano und Moscadella, insgesamt 180 km. Das Roadbook verführt dazu, die Fahrt nach eigenem Geschmack zu gestalten und zu verweilen, wo es einem am besten gefällt. Nur für die Mittagszeit ist als Fixpunkt bereits „La Moscadella“ bei Castelnunzio als Ziel vereinbart, ein historischer Landgasthof mit wunderbarem Panorama.

    Nach Tiramisu und Caffe geht es östlich an Siena vorbei durch schöne Dörfer und malerische Chianti-Landschaft zurück zum Basislager Vescine. An diesem Abend sorgt das hauseigene Ristorante für das Menü. Bei Risotto mit Steinpilzen und gegrilltem Entrecôte mit Rosmarinkartoffeln bringt ein Chianti Classico Riserva „Lodolaio“ di Vescine Farbe in die von der frischen Luft verwöhnten Gesichter. Cappuccino und frische Früchte beleben dieselben am nächsten Morgen. Der führt mit dem für den Tag gewählten Spider zunächst zu einer Stadtbesichtigung in die Altstadt von Siena, natürlich inklusive der Piazza del Campo, auf der jährlich der berühmte Palio ausgetragen wird. Anschließend cruisen wir hinauf zum „Castello di Monteriggioni“. Das im Schloss gelegene Restaurant „II Piccolo Castello“ verwöhnt die nostalgische Truppe mit hausgemachter Pasta mit Pilzsauce.

    Viel zu früh führt die letzte Etappe dann zu einer Halle nahe Florenz, wo die Nostalgic-Schätze verwahrt und gewartet werden. Und zu der Erkenntnis, dass die Welt vielleicht dann am lebenswertesten ist, wenn die Werbung nicht lügt.

    Text: Valentin Kraemer

    Juni 2008

  • "Was selbst Sophia Loren begeistert hat"

    "Was selbst Sophia Loren begeistert hat"

    Mille Miglia, Chianti, Siena, Florenz, Zypressen, -Weinberge – Schlagworte, die für die Toskana stehen und die jenes Lebensgefühl anklingen lassen, welches als Dolce Vita in den 50er- und 60er-Jahren das Selbstbewusstsein der Italiener besonders geprägt hat. Damit untrennbar verbunden: die Alfa Spider. Wir laden zur Entdeckungsreise in Giulietta Spider und Giulia Spider.

    Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zeit vieler kleiner und großer Wunder. Im Schatten des deutschen Wirtschaftswunders erlebte in den 50er- und 60er-Iahren auch Italien eine Zeit des Aufbruchs und der Selbstfindung, durch Filme beispielsweise von Federico Fellini international unterstrichen. In diese Zeit fällt auch die Geburtsstunde des Alfa Romeo Spider. Ursprünglich wurde der Wagen im Werk in Mailand als Coupe Giulietta Sprint gebaut, Und es wäre wohl auch so geblieben, wenn da nicht ein amerikanischer Händler 600 Giulietta bestellt hätte – in Form eines Cabriolets. Dieser Wunsch aus Amerika – dies danken wir ihnen – gab der damaligen Firmenleitung in Mailand den nötigen Schub, sich an die Entwicklung einer Offenversion zu machen. Den Design Wettbewerb entschied der damals noch als Gian Battista Farina bekannte Turiner Carrossier für sich (heute Pininfarina), die erste Aufwartung machte die Giulietta Spider 1955 am Salon Paris.

    Selbst Sophia Loren war von der makellosen Eleganz des Designs angetan, und die Leute waren begeistert. So sehr, dass in den sieben Produktionsjahren über 17 000 Giulietta Spider verkauft werden konnten. Nahtlos an diesen Erfolg knüpfte die Giulia Spider an, von der in drei Jahren weitere 10000 Wagen an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht wurden. Fragt man bei Autoliebhabern herum, gesteht manch einer, dass die ersten Spider von Alfa Romeo auch heute noch zu den persönlichen Traumwagen zählen. Träume werden wahr für solche Träumer – natürlich auch für alle jene, die es werden möchten – und Genießer ist unsere Zeitreise im Juni in die Toskana gedacht. Ein langes Wochenende (22. bis 24. Juni) auf den Strassen der Mille Miglia, hinter dünnen Holzlenkrädern, die Schaltarbeit mit gelegentlichem Zwischengas versüßt, der warme Fahrtwind auf der Haut, der Duft von Lavendel und Pinien in der Nase…

    Hervorragend gewartete Alfa Spider, komplett versichert, Benzin inbegriffen. Auch das ganze restliche Programm der drei „läge haben die beiden Nostalgie-Besitzer Gert Pichler und Walter Laimer organisiert. Laimer wird höchstpersönlich vor Ort für den runden, störungsfreien Ablauf besorgt sein. Das Programm beginnt beim Relais «II Borgo di Vescine». Wichtig: Die Anreise in die Toskana ist Sache der Gäste und deshalb auch nicht im sonst alles umfassenden Preis Inbegriffen. In diesem außergewöhnlichen, mitten im Chianti-Gebiet bei Radda gelegenen Hotel werden wir beide Nächte verbringen. Nach dem gemeinsamen ersten Mittagessen gibt es eine kurze Einführung in die Bedienung der Oldtimer sowie eine Besprechung des Roadbooks. Ja, Sie haben richtig gelesen: Roadbook. Die Fahrt in den Alfa-Oldtimern ist zugleich eine Entdeckungstour durch Rebberge und Olivenhaine zu den zahlreichen verborgenen Schönheiten der Toskana. Beispielsweise zum ehemaligen Benediktinerkloster Sant Anna in Camprena, innerhalb dessen wuchtigen Ziegelfassaden Mitte der 90er-Jahre große Teile des Kinofilms «Der Englische Patient» gedreht wurden (u. a. mit Juliette Binoche, Kristin Scott Thomas, Ralph Fiennes und Willem Dafoe). Mit dem Roadbook werden die Teilnehmer – immer zwei Personen pro Wagen – auf Streckenabschnitte der legendären Mille Miglia geführt, über Ville di Corsano in die Crete Senesi. Oder über lange Abschnitte auf Hügelkuppen mit stets wechselndem Blick auf die imposante Kulisse von Siena. Der geführte Rundgang durch dieses auf drei Hügeln erbaute Stadtkunstwerk der Gotik bildet am Sonntag dann praktisch auch den Abschluss des Wochenendes.

    Dazwischen liegen viele Kilometer auf gewundenen, aber gut ausgebauten Nebenstraßen in der «Gallo Nero», wie das Chianti-Gebiet auch genannt wird. Die genüssliche Fahrerei wird unterbrochen durch Kaffeestopps und entspannte Verpflegung mit traditioneller toskanischer Küche. Der kulinarische Teil ist übrigens ein weiterer Eckpfeiler unserer Reise. Deshalb sind sämtliche Essen im Preis Inbegriffen, ebenso alle Getränke. Und damit meinen wir nicht nur das frische Mineralwasser während der Fahrt. Am Abend ist der zum jeweiligen Essen passende regionale Spitzenwein dabei, und zum obligaten Abrunden des Mahls je nach Gusto ein Vin Santo oder ein Grappa. Überhaupt – wer einmal in der Toskana angekommen ist, braucht sich eigentlich um nichts mehr zu kümmern, muss nur noch genießen. Deshalb zögern Sie nicht lange, die Plätze für die Zeitreise im Traumwagen sind begrenzt.

    Text: Martin Schatzmann

    Foto: Nostalgic

    04. April 2007

  • "Die Reifenprüfung"

    Romeo fährt Giulia oder Die Alfa-Tierchen sind los: Wer in alten italienischen Sportwagen durch Südtirol fährt, wird zum Dichter

    Der 7. Juni 1966 war ein Dienstag. Und im Rhein schwamm ein weißer Wal. Er hatte sich aus der Nordsee flussaufwärts verirrt, sonst war aber alles wie immer an diesem Frühsommertag: Die SPD hatte am Wochenende mal wieder Parteitag gefeiert und Bayern München den DFB-Pokal gewonnen, 4:2 gegen den MSV Duisburg. Traurig nur, dass Hans Arp an diesem Tag starb, der große Dada – Künstler. Über Österreich braute sich obendrein ein heftiges Unwetter zusammen. Und dann wurde noch an diesem 7. Juni 1966, vor fast genau vierzig Jahren also, in Frankfurt eine brandneue Alfa Giulia Spider Veloce angemeldet, knallrot und mit 112 PS.

    Heute ist diese Giulia eine Zeitmaschine, die man mieten kann. Zum Beispiel, um darin auf den Südtiroler Gampenpass in 1500 Meter Höhe zu fahren, mit offenem Verdeck und umweht vom wunderbaren Gefühl, dass einem die ganze Welt gehört. Damals, 1966, musste einem zwar nicht gerade die Welt gehören, um sich so einen Sportwagen leisten zu können, es war aber auch nicht für jedermann, was der legendäre Pininfarina konstruiert hatte: sondern die höchste Kunst des Karosseriebaus. Als die Giulia Veloce aus Frankfurt dann ein paar Jahre später einige Kilometer hinter sich hatte und erschwinglicher wurde, kaufte sie ein Italiener, ein Mechaniker von Alfa Romeo. Er fuhr das Cabrio jahrelang und verkaufte es Anfang der Achtziger an einen Stuttgarter Sammler, der es rundumüberholen ließ.

    Und weiterverkaufte: An zwei Freunde aus Meran, Gert Pichler und Walter Laimer, die dabei waren, eine Flotte von alten Alfa Romeos zusammenzustellen, um mit ihr und den Gästen, die so etwas buchen wollten, zu verreisen: in die Toskana und an den Lago Maggiore, nach Sizilien und Südtirol. Und zurück in die Zeit, ins Jahr 1966, als diese rasanten Sportwagen noch jung waren. Als die Bundesrepublik noch jung war, gerade mal siebzehn Jahre alt, aber schon wieder den ewigen deutschen Traum von Italien träumte. Der inzwischen weniger von Zitronenblüten und Marmorbildern handelte, sondern von Cabrios von Alfa Romeo und der Sonne über Capri.

    Der Veranstalter, bei dem man heute die Zeitmaschine mit offenem Verdeck für die Italienreise buchen kann, nennt sich „Nostalgic“, sitzt in München und hat inzwischen dreizehn Alfas in seinem Fuhrpark; rote, hellblaue, graue und schwarze Cabrios; die älteste Giulietta stammt aus dem Jahr 1959. Mit diesen Autos veranstalten Laimer und Pichler vor allem Reisen für Unternehmen, Motivationsreisen für Mitarbeiter, „Incentives“ genannt.
    Nostalgic hat seit seiner Gründung im April 2003 eine überschwängliche Resonanz in der Presse gehabt, fast alle großen Zeitungen, Wochenblätter und Magazine in Deutschland (und auch in der Schweiz) haben darüber berichtet. Nicht berichtet: gedichtet, über bella italia auf vier Rädern, über Grace Kelly und Sophia Loren – oder eben über Zeitmaschinen. Dabei steckt das kleine Unternehmen Nostalgie eigentlich noch in seiner Investitionsphase. Aber was Wunder: Wenn man morgens um neun, die Bergluft ist noch kühl, der Himmel klar, zum Parkplatz hinuntergeht und dort diese Alfas stehen sieht, rote, hellblaue, graue und schwarze, geht einem einfach das Herz auf. „Ein Wagen mit großem Herz“, so heißt es ja auch im Prospekt von 1962 über die Alfa Giulia.

    Es krampft sich dann beim nächsten Schaltmanöver wieder zusammen: Die Giulia Veloce, wegen ihres stärkeren, schnelleren Motors so genannt, braucht nämlich Zwischengas. Alle Alfas der Flotte brauchen Zwischengas, sonst kreischt das Getriebe, und das Auto lässt sich nicht herunterschalten. Also bei der Anfahrt auf die erste rote Ampel nach dem Hotelparkplatz in Marling den vierten Gang auskuppeln. Leerlauf. Dann Vollgas, als wäre man der allerletzte Eisdielenangeber. Jetzt Kupplung treten. Und dritten Gang einlegen. Durchatmen. Abbremsen. Auskuppeln, wieder Vollgas im Leerlauf, diesmal ein bisschen selbstbewusster, es muss ja sein! Aber dieses seltsame Gefühl, eine Kostbarkeit aus dem Jahr 1966 im Leerlauf sich selbst zu überlassen und zu allem Überfluss noch voll ins Gaspedal zu treten, versetzt einen norddeutschen Grobmotoriker aber doch in einige Panik. Obendrein, rückt die rote Ampel immer näher. Erst vom dritten in den zweiten Gang geht dann alles wieder wie in der Fahrschule gelernt. Schließlich steht der Wagen an der Ampel, und man kann sich in aller Seelenruhe bewundern lassen.

    Das eine ist nämlich, so eine knallrote Praline fahren zu dürfen. Das andere, links und rechts der Straßen eine Spur der Verblüffung zu hinterlassen. Jeder bleibt stehen. Wenn so eine Kolonne vierzig Jahre alter Alfas mit offenem Verdeck an einem vorbeidefiliert, muss man einfach stehen bleiben. Das Auto fühlt sich wahnsinnig gut an, elegant, smart, sportlich. Und man sieht wahnsinnig gut darin aus. Warum blieben denn sonst all diese Menschen stehen? Morgens um halb zehn in Südtirol, vor den Cafes, unter den Platanen der breiten Alleen von Meran: Sie staunen und schlagen die Hände zusammen, als hätten sie eine Erscheinung. Et in arcadia ego – es stimmt also wirklich, und es steckt an: Dieses Auto ist nicht nur elegant und smart, es hat auch die tollsten Dichtungen.

    „Wir haben schön parkiert“, sagt der Hoteldirektor, der auch mitfährt, in einer schwarzen Giulietta, und so muss man wohl reden, wenn man ein Cabrio fährt. Die Kolonne war durch die Apfelplantagen im Etschtal zum Golfplatz gerast, mit offenem Verdeck, die Berge ringsum lagen mittlerweile im Dunst, es war ein Frühlingstag, warm, der Fahrtwind aber noch etwas kühl. Doch mit Schal und Sonnenbrille hinter dem Steuer zu sitzen, das vollendet die Form überhaupt erst. Wir gierten nach Kurven, dieses Auto gehört in Kurven, aber die bedeuten eben auch: Schalten, Leerlauf und Zwischengas. Irgendwann fremdelt man aber nicht mehr damit und sucht die Eisdielen, zum Aufheulen und Angeben. Oder zum schönen Parkieren.

    Solch ein Auto darf man aber nicht lange herumstehen lassen, vor allem, wenn es nur geborgt ist. Also wieder hinein in die Apfelblüte. Es riecht nur gar nicht nach Apfel oder Blüten, es riecht nach italienischer Großstadt, nach Abgasen und sanftem Verfall, nach Chaos und Unruhe und der höheren Lebensart, die daraus zu erwachsen scheint, kurzum: Es riecht nach alledem, was die Deutschen seit Jahrhunderten schon jenseits der Alpen gesucht und sich herbeigesehnt haben. Natürlich raucht dieser stolze italienische Großstadtgeruch aus dem Auspuff des Vordermanns heraus, schließlich fahren hier ein Dutzend alter Alfas in Kolonne. Aber die Illusion ist perfekt. Die Nase im Fahrtwind, mit flatterndem Schal, so geht es in dieser Zeitmaschine dahin, im Gegenlicht.

    Ausgeträumt der Traum, ein Parkplatz in Marling, die Hände vibrieren noch lange nach. Keine Servolenkung, keine Elektronik unterstützen das Steuer, nur der Fahrer hält es stabil. Am Ende ist die Fahrt in einem vierzig Jahre alten Alfa Romeo eine sehr weltliche Angelegenheit, sie fordert alle Aufmerksamkeit, alle Geistesgegenwart. Die Bilder fliegen vorbei: der Kalterer See, Schloß Trauttmansdorf, die Weinberge von Südtirol im Frühling. Am Steuer hat man aber nur Augen für das Auto unter seinen vibrierenden Händen. Und Ohren für den Motor. Er singt vom Süden.

    Text & Foto: Tobias Rüther

    28. Mai 2006

  • "Mit Zwischengas in den zweiten Gang"

    Im alten Alfa Giulietta zu neuer Lebensfreude – Eine andere europäische Kulturgeschichte auf Sizilien erfahren.

    „Amore, Amore!“ riefen die beiden älteren italienischen Herren am Wegesrand und winkten verzückt. Eine Erscheinung war in ihr Leben getreten, und sie wurden wieder die Jünglinge, die sie einmal waren. Alles Schwere und Langsame fiel von ihnen ab, in der Begeisterung wurden sie leicht wie die Luft und hell wie das Licht. In ihren Augen glänzte eine Zeit, die nicht mehr ist, deren Zauber aber sich heute stärker denn je verbreitet.

    Zugegeben, die Damen in den Cabrios zogen den bewundernden Blick des Passanten auf sich, aber selbst die männliche Eitelkeit bestand darauf, dass weibliche Schönheit nicht allein die Wunder am Wegesrand vollbracht hatte. Es war buchstäblich viel zu offensichtlich, dass wir uns in einem Fluidum bewegten, das Glanz, Sehnsucht und sehr viel Nostalgie ausstrahlte – auf die Zuschauer am Straßenrand und nicht weniger auf uns. Und damit beginnt die Geschichte einer Verwandlung, von der man manchmal vielleicht träumt, von der man aber im Traum noch ganz sicher weiß, dass sie für immer ein Traum bleiben muss.

    Sagen wir es so, wie es war: Als wir die roten Giulietta Spider auf einem ganz prosaischen Parkplatz an der Küstenstraße Siziliens unterhalb Taorminas erblickten, schlug das Herz höher, und es erfasste uns eine Art Rührung, zu vergleichen mit dem Gefühl, mit dem wir aus dem Abstand vieler Jahre das Foto einer Jugendliebe betrachten – mit dem Unterschied, dass die Jahre gleich ausradiert sein sollten. Aber das ahnten wir noch nicht, voller Bewunderung für die schlichte Eleganz dieser Wagen, die nur in der Sonne des Südens zur Geltung kommt und doch einst auf Insistieren eines amerikanischen Autoimporteurs erst geschaffen wurden. Wie sie da so anmutig standen, waren sie merkwürdig vertraut, so oft haben wir sie in italienischen und französischen Filmen aus den fünfziger und sechziger Jahren gesehen. „La Signorina“, das Fräulein, nannte man diesen Wagen, als er 1955 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt wurde. Grace Kelly saß in diesem Wagen, dessen Versprechen die Leichtigkeit des Seins ist und um so kontrastreicher tragisches Schicksal und Liebesleid die Serpentinen hoch- und runterfahren lässt. Auch Sophia Loren und Marcello Mastroianni.

    Die strahlenden Schauspielerinnen und Schauspieler von einst sind matt und grau geworden und mussten das Spiel an andere abgeben. Diese Filmhelden auf vier Rädern aber sehen aus wie damals: Sie glänzen, sie flirten mit dem Betrachter und sind augenblicklich zu einer Entführung aus reiner Liebe bereit. Dabei veranstalten sie kein Spektakel, sondern sind einfach das immer wieder erneuerte Versprechen reiner Gegenwart. Wer könnte widerstehen?

    Am Nachmittag zuvor, beim Betrachten der Ruinen des Teatro Greco, hinter dem in der Ferne der Ätna aufragt, ist eine Phantasie entstanden, eine Ahnung, wie Kunst und Natur einst aufeinander gestimmt sein mochten, wie das Komische und das Erhabene sich versöhnte und verband, wie einmal die reine Proportion die Umgebung in einem Gleichklang schwingen ließ, der den Menschen ohne Zwang mit allem um ihn herum in eins setzte. Alle Wut, alle Trauer mochte versiegt sein und einem einzigen stillen Gefühl Raum gegeben haben. Die Umwelt, soviel verstehen wir, ist Ästhetik oder sollte doch so sein. Und diese ästhetische Umwelt, geschaffen und geformt mit dem Blick auf Wesentliches, wirkt auf die Menschen zurück. Sich selbst zu erschaffen ist zweite Natur. Und in dieser zweiten Natur wird ebensoviel, wenn nicht mehr als in der ersten Natur gesündigt. Wir übten in dem Alfa Romeo also bußfertig tätige Reue und nahmen uns vor, dem Wagen gerecht zu werden.

    Von der antiken Stätte nach Taormina hinein möchte man gleich neidisch werden auf die Veteranen des Kaisers Augustus, die hier in einer Kolonie angesiedelt wurden. Wie eine Waage liegt der Corso, die Hauptverkehrsstraße der nahezu autofreien Stadt, zwischen der Porta Catania und der Porta Messina. Auch wenn die Filialen großer Modemarken und anderer Unternehmen das Terrain weitgehend unter sich aufgeteilt haben und so die vertraute Einförmigkeit auch hier eingezogen ist –Atmosphäre und Flair sind nicht verflogen, und man möchte gern in den schönen Irrglauben verfallen, dass die mehr als eine Million Reisenden, die Taormina jedes Jahr besuchen,
    von dem Städtchen und der Landschaft ganz absorbiert werden, dass sie ihrer Umgebung durch einen geheimen Mechanismus sanft angepasst werden und so niemand hier fehl am Platz sein kann.

    Der erste Griff tastet nach der Sitzeinstellung. Da gibt es ein Vor und Zurück, und ansonsten passt man sich der Form an. Der zweite Griff führt nach jedem Einsteigen zum Sicherheitsgurt. Er fehlt, er war nie da. Der dritte Griff gilt dem Schaltknüppel. Die Gänge lassen sich wunderbar knackig einlegen, und längst wieder zu Hause, geht die Bewegung immer noch dorthin, wo bei der Giulietta Spider der Rückwärtsgang liegt. Es ist an diesem spät herbstlichen Morgen angenehm warm, um die zwanzig Grad, und die kleine Gruppe der sechs Spider macht sich gut ausgerüstet mit Getränken und passenden Kappen als Sonnenschutz auf die Fahrt hinauf zum Ätna. Eine Fahrt, die keiner vergessen wird, weil Naturschauspiel und Performance der Alfa Romeo Spider, um es mit einem Begriff aus dem Motorsport zu sagen, miteinander um die Wette eifern, und die Fahrer in dieser Konkurrenz von Anmut, Größe und Überraschung mal dieser, mal jener Seite zuneigen.

    Selbst wenn der Motor abgestellt ist, endet dieses Spiel keineswegs. Dann nämlich ist die Karosse ein koketter Farbtupfer, der den schwarzen Vulkan lächeln lässt. Zu diesem Zeitpunkt liegen aber schon viele Kilometer hinter uns, die uns das Fräuleinwunder aus Italien so nahe brachten, dass wir es nicht nur wegen seiner Schönheit bewundern, sondern auch wegen seines Charakters schätzen lernen.

    Über das Anlassen des Motors, der kein Soundmanagement brauchte, gehen wir einmal hinweg, als sei es ein Klischee. Es sei nur versichert, dass alle Beschreibungen dazu mit Recht Klischee geworden sind – weil wahr ist, was dahintersteckt. Dieser Ton ist Musik wie Adriano Celentanos „Azzurro“, ist neben dem eingelösten Versprechen der Schönheit und ewigen Gegenwart der Reiz einer Stärke, die sich nicht nach absoluten Pferdestärken misst. Das Fräulein Giulietta hat keinerlei Babyspeck und braucht keine enormen Muskeln, um leichtfüßig die Gassen zu durcheilen und sich mit der Freude an der schieren Bewegung die Serpentinen hinaufzubewegen.

    Und die Kunstschätze, ging es mir durch den Sinn, die Geschichte, Friedrich der Zweite, die Archäologie, der Zusammenklang der Kulturen von Abend- und Morgenland? Alles vergessen angesichts der nächsten Haarnadelkurve, die man ohne hydraulische Bremskraftverstärker nehmen muss; unbedeutend angesichts der Herausforderung, mit Zwischengas sanft und doch
    druckvoll vom dritten in den zweiten Gang herunterzuschalten. Ist das die kultivierteste Form der Ignoranz? Solche Fragen fallen denen, die dabei waren, wirklich erst zu Hause ein, bei der Rückverwandlung in den Benutzer der A 5 im Stopp and Go vor dem Offenbacher Kreuz. Unterwegs, das war eine andere Geschichte, eine Kulturgeschichte eigenen Rechts.

    Die Verwandlung, von der schon die Rede war, versetzte uns tatsächlich in eine Zeit, in der die zaghaften Anfänge europäischer Sozialreform in den dreißiger Jahren mit bezahltem Urlaub und einer rechtlich und finanziell verbesserten Stellung der Arbeiter und Angestellten sich mit der Massenindustrialisierung der fünfziger und sechziger Jahre verband und in einer Demokratisierung des Lebensgenusses gipfelte; deren Schattenseite war auch deshalb noch nicht unmittelbar sichtbar, weil sich diese neue Kultur erst allmählich auf breiter Front durchsetzte. Man fährt also nicht mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit, sondern mit dem Alfa in die frühe Europazeit zurück. In ein Europa, das im nachhinein idyllisch erscheint. Die Nationen waren zwar nach dem Weltkrieg auch nicht mehr richtig bei sich, aber, von den Deutschen abgesehen, sie bemerkten es noch nicht und lebten ihre Eigenarten nicht zuletzt im Automobil aus. In Frankreich, das die funkelnde höfische Kultur noch stets mit kriegerischem Geist verbunden hatte, entstand neben der göttlichen DS, der Déesse, auch ein Major, und in Opel-Deutschland freute man sich an der klaren Hierarchie von Commodore, Admiral und Kadett.

    In Italien aber herrschte der Frühling einer charmanten Selbstvergessenheit, die bis heute nicht ausgelöscht ist. Und so erfährt man wahrhaftig ein Stück europäischer Geschichte, wenn man über die Insel fährt. Während heute im europäischen Automobilbau fast überall Arbeitsplätze verloren gehen, bewegt man sich mit den legendären Alfas in eine Zeit, da diese Industrie gerade ansetzte, zu einem Schlüssel der europäischen Nachkriegsgesellschaften zu werden. Etwas von dieser Stimmung geht auch heute auf die Fahrer über. So also kann es sich anfühlen, wenn uns die Lust am Leben ergreift. Warum über den Wolken auf das Verschwinden aller Sorgen hoffen, wenn es auf der Erde so schön möglich ist. Ohne ABS und ESP, aber auch ohne doppelte Sicherheitskontrollen vor dem Einsteigen wird man durch das Gefährt, das schnell zum Gefährten wird, auf eine Reise in ein anderes mentales Land, in eine andere mentale Zeit mitgenommen.

    Diese Euphorie-Reise wirkt lange nach – und macht zu Hause noch einmal richtig klar, in welch graues Depressionsloch wir uns gehockt haben im europäischen Alltag zwischen Vogelgrippe, Arbeitslosigkeit und Klimakatastrophe. Der Alfa Spider der frühen sechziger Jahre, der noch meilenweit von der späteren Alfa Misere entfernt ist, hat eine besondere Aura, die niemanden ganz unberührt lässt: als das Auto des Optimismus, des Aufbruchs und der Freiheit –und dabei doch von großer Zuverlässigkeit.

    So werden es auch die beiden jungen Unternehmer der vor zwei Jahren gegründeten Firma „Nostalgic“ empfunden haben, die, einmal verzaubert, den Mut gefunden haben, andere an dieser Verzauberung teilhaben zu lassen. Denn auch in Sizilien wachsen die Alfas nicht wie Zitronen an den Bäumen, und man kann sich leicht den logistischen Aufwand vorstellen, gut erhaltene Exemplare der Alfa Giulietta in ausreichender Zahl zu finden und in die Toskana, an den Bodensee oder eben nach Sizilien zu bringen. Auch dies ist eine Geschichte der Verwandlung, von der man gern so viel mehr als deutsche Wirklichkeit erleben würde. Walter Laimer und Gert Pichler jedenfalls waren mehr oder weniger zufrieden in ihren auskömmlichen Büroberufen, als sie sich für das Leben mit dem „Fräulein“ entschieden.

    Es war ein Risiko, so wie es ein Risiko sein mag, ohne ESP zu fahren. Aber dieses Risiko wurde durch die Faszination wettgemacht, die auch auf andere wirkte und so den beiden Unternehmern wichtige Helfer bescherte. An erster Stelle Daniel von Busse, ein engagierter Karriere-Planer, der sonst für viel Geld entlassenen Managern und anderen hilft, beruflich wieder eine Spur zu finden. Hier gab er dem Vergnügen an der Unternehmung den Vorzug und unterstützte sie mit wichtigen Hinweisen, am wichtigsten die Bekräftigung: Es gibt eine wirkliche Sehnsucht nach diesen Autos, deren Nachfolger man sich in der Jugend nicht leisten konnte, es gibt ein Bedürfnis nach diesem anderen Lebensgefühl und dieser Art des Reisens – nicht nur bei Individualreisenden, sondern auch in den Unternehmenskulturen, in denen man händeringend nach ungewöhnlichen „Incentives“, also Belohnungen sucht. In der Tat: Wenn einer fährt und der andere mit dem Roadbook in der Hand den Weg weisen muss, dann kann das für den Zusammenhalt nur förderlich sein. Es muss ja nicht immer mit „Amore, Amore“ enden.

    Text: Michael Jeismann

    Foto: Wolfgang Wilhelm

    24. November 2005

  • Freiluft-Ferienfahrt – Warmer Fahrtwind auf der Haut, dazu der Duft von Pinien und Lavendel…

    Freiluft-Ferienfahrt – Warmer Fahrtwind auf der Haut, dazu der Duft von Pinien und Lavendel…

    So fühlen sich Touren in historischen Autos durch südliche Gefilde an. Fahrspaß gibt’s gratis obendrauf.

    Vor dem Start gibt es ein paar leichte Irritationen: Das Zündschloss findet sich nicht, wie gewohnt, rechts an der Lenksäule, sondern links im Armaturenbrett (wie heute nur noch bei Porsche-Modellen). Der Handbremshebel sitzt nicht mittig auf dem Kardantunnel, sondern ragt als hakeliger Stockgriff aus den Tiefen der Pedalerie – um irgendwo zwischen den Knien des Fahrers zu enden. Und den Sicherheitsgurt, den gibt es gleich gar nicht. Die offenen Alfa Romeo, die an diesem Morgen auf dem Parkplatz in den Bergen des Chianti auf ihre Fahrer warten, bieten Freiheit, nicht Sicherheit. In den 60ern, als etwa die kleine Giulia Spider gebaut wurde, gehörten Gurte noch längst nicht zu den Standards. Aber daran denkt der Fahrer erst einmal nicht. Er ist viel zu aufgeregt, erwartet er doch seine erste Ausfahrt in einem Autoklassiker, für den Großmeister Pininfarina die Karosserie entworfen und gebaut hat. Und der in Italien folglich gern mit dem lauten Ruf „Che bella macchina!“ begrüßt wird.

    Die Münchener Firma Nostalgic vermietet elf dieser epochalen Sportwagen. Und wem die Giulia zu verspielt ist, für den hält der Reiseveranstalter zwei seriösere, aber nicht weniger atemraubende Alfa bereit, Modell 2600 Spider. In der Toskana, auf Sizilien und am Lago Maggiore können die Teilnehmer ausgeklügelte Tagestouren in den generalüberholten, technisch wie optisch perfekten Oldtimern unternehmen, bevor sie an ausgesuchten Restaurants und bequemen Hotels halten.

    Die Geschäftsgrundlage bildeten ursprünglich so genannte Incentive-Reisen: Unternehmen laden die Führungskräfte ihrer besten Kunden ein oder wollen verdienten Mitarbeitern etwas Gutes tun. Wegen der großen Nachfrage wurde das Businessmodell schnell auf Individualreisende ausgedehnt.

    DIE MINUTIÖSE VORBEREITUNG der Route ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Oldtimer-Reise. Bei Nostalgic bekommt zum Beispiel jeder Fahrer ein „Roadbook“, in dem die Tour detailliert dargestellt wird. Jede Kreuzung, jede Abzweigung ist vermerkt, jeder Panoramablick, jede schöne Stelle zum Anhalten, Verweilen, Fotografieren. Die Touren führen über fahrerisch wie landschaftlich besonders attraktive Landstraßen – Strecken, die auch in der Hochsaison kaum befahren sind. Bis zu einer Woche braucht ein Rechercheteam, um die richtigen Routen für nur einen Tag einer Nostalgic-Rundfahrt zu finden und exakt zu beschreiben. Die Mühe lohnt: Die Gäste sind begeistert, weil sie nur selten Lkw oder Bussen hinterher zockeln müssen. Städte werden umfahren, wo immer möglich (siehe Karte oben) – Genuss und Fahrspaß sind gleichermaßen programmiert.

    Der zweite Erfolgsfaktor ist die Zuverlässigkeit der Autos. Die Nostalgic-Flotte wird zum Beispiel nach jeder Reise gleich vor Ort, in der Toskana, von einem erfahrenen Alfista gewartet, der das Unternehmen auch beim Ankauf und der Restaurierung der Sammlerstücke berät. „Noch nie ist ein Gast mit einem unserer Autos liegen geblieben“, sagt Geschäftsführer Gert Pichler. Sollte das doch einmal passieren, dann muss der Fahrer nicht mühsam einen Mechaniker anrufen und am Straßenrand warten. Das Nostalgic-Team fährt die empfohlene Strecke des jeweiligen Tages in diskretem Abstand mit einem Kleinbus ab; auf dem Anhänger steht ein Ersatzcabrio. Im Fall einer Panne wird also das Auto ausgetauscht; der Kunde kann gleich weiterfahren.

    SO WIRD EINE OLDTIMER-TOUR zum Schieren Vergnügen. Die alten Wagen lassen sich erstaunlich flink bewegen. Ein MG A oder B wiegt zum Beispiel unter einer Tonne, die schnellste Giulia hat 112 PS – bei gleichem Gewicht. Damit ist sie in Relation deutlich besser motorisiert als etwa ein Mazda MX5 oder vergleichbare moderne Roadster. Das Zwischengasgeben – bei vielen der älteren Getriebe ist die Synchronisation schon abgenutzt – will geübt sein. Ungewohnt ist auch der Kraftaufwand beim Lenken. Selbst fanatische Oldtimer-Piloten sind daher froh, wenn sie nach ein- bis zweistündiger Fahrt eine Pause machen dürfen. Die Reise soll schließlich Erholung sein, kein Leistungsbeweis. Aus diesen Gründen umfasst die längste Tagestour bei Nostalgic nur 160 Kilometer, an manchen Tagen werden nur 60 gefahren. „Wir wollen den Gästen Zeit und Muße bieten, auch die Schönheiten am Wegesrand auszukosten“, sagt Geschäftsführer Walter Laimer. „Sie sollen ein Kloster oder ein Museum besichtigen können, vor einer Espressobar anhalten, auf einer Blumenwiese die Picknickdecke ausrollen und ausspannen.“

    Die Autos sind meist mit Paaren besetzt. Im Konvoi fahren nur jene Reisenden, die das gerade mal wollen. Sonst trödelt oder promeniert oder wieselt jeder nach eigenem Gusto über die Landsträßchen. Bei den All-inclusive-Touren trifft sich das Oldtimer-Rudel für einen leichten Lunch in Landgasthöfen, wo Tische auf schattigen Terrassen reserviert sind. Bei den Halbpensionsanbietern sieht man sich erst wieder abends zum Dinner in noblerer Atmosphäre. Wer Sinn hat für diese Kombination von sommerlichen Frischluftaktivitäten, der wird auch Gefallen finden an einer ganz anderen Form von Oldtimer-Reisen: Im österreichischen Stainz bieten Traktorenthusiasten Rundfahrten auf historischen Zugmaschinen.

    Die Touren gehen durchs so genannte Schilcherland in der westlichen Steiermark. Die sorgsam restaurierten Lanz, Fendt oder Porsche bullern mächtig (eine Kostprobe gibt’s schon bei der Ankunft auf der Website, siehe Kasten) – und tuckern so geruhsam, dass unterwegs selbst den Laienfahrern noch eine kleine Kostprobe des rosafarbenen Schilcher-Weins gestattet ist. Die Strecke der Halb- und Ganztagestour führt jedenfalls an genügend Weingütern und Buschenschänken vorbei.
    Ein Tipp: Nur Unkundige nennen den Schilcher einen Rosé. Und nur Banausen finden ihn sauer.

    Text: Michael O.R. Kröher • Foto: Nostalgic 09/2005
  • "Nostalgie auf Rädern"

    "Nostalgie auf Rädern"

    Italien einmal ganz anders erfahren: Fernab der bekannten Touristenpfade am Steuer exklusiver Cabriolets

    Da fahren sie wieder davon. „I veri alfisti della Germania“, ruft der alte Mann vergnügt seinen deutschen Alfa-Romeo-Freunden nach. Die biegen, freundlich hupend, in ihren 50er-Jahre-Cabriolets vom Dorfplatz in Ville di Corsano. Für die Fahrer der italienischen Oldtimer mit Bonner Kennzeichen ist die Espressopause in der Toskana zu Ende.

    Oldtimer. Gut 15 Kilometer entfernt, im Park des Landguts „La Borgo da Bagnaia“, sitzen Gert Pichler und Walter Laimer. Die 34-Jährigen sind Gründer und Geschäftsführer von Nostalgic, dem führenden Anbieter begleiteter Oldtimer-Reisen – und verantwortlich für die deutsch-ilalienische Espressofreundschaft. „Wir wollen die Faszination Oldtimer für alle erfahrbar machen“, erklärt Pichler das Konzept des Münchner Unternehmens. Seit drei Jahren stellt Nostalgic seinen Kunden edle Alfa- Cabriolets in Italien zur Verfügung – zum Selbstfahren. Die bei Oldtimertouren oft aufwändige Anreise im eigenen Wagen entfällt. Hotellerie und Gastronomie erfüllen im Komplettangebot höchste Ansprüche, ein mehrsprachiges Serviceteam agiert kompetent und diskret im Hintergrund. Neben Nostalgic offerieren jetzt erstmals zwei neue Anbieter Cabrio-Reisen in Bella Italia (siehe S. 158: „Fahrspaß unter freiem Himmel“). Am Anfang steht die freie Auswahl: 13 Cabriolets mit dem prägnanten Scudo, dem schildförmigen Kühlergrill, erwarten die Nostalgic-Fahrer. Gesamtwert der Alfa-Flotte: rund 400000 Euro. Unvorbereitet geht niemand mit den Traumwagen auf die Piste. Der Umgang mit der Originaltechnik, mit Zwischengas und historischen Bremsen will erklärt sein. Doch dank der persönlichen Anleitung verfliegen anfängliche Berührungsängste und das Déjà-vu der ersten Fahrstunde im Nu.

    Gestartet wird gemeinsam, gefahren individuell, ein eigens erstelltes Roadbook weist den Weg. Schnell gewöhnen sich die Fahrgäste an die vermeintlich untypisch-Italienische Fahrweise – beschaulich ist nicht nur die Landschaft. Was auf den ruhigen Landstraßen zählt, ist weniger der Rausch der Geschwindigkeit als der Genuss mit allen Sinnen. „Driven by style“ lautet die Devise. Sollte es bei all der Auto-Euphorie Probleme mit Weg oder Wagen geben, ist das Serviceteam samt Begleitfahrzeug abrufbereit in der Nähe. Gemeinsame Besichtigungen, Picknick im Grünen und Wein Verkostung bieten reichlich Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch über Land, Leute und automobile Laufkultur. Exquisite Unterkünfte und ausgewählte Gastronomie runden das Fahrvergnügen ab. Die Vier-Tage-Tour wird nach individuellen Wünschen erstellt – und so zum einmaligen Erlebnis. Gut 2000 Euro kostet solch eine Genussreise für Nostalgiker.

    Emotionen. Ob Giulietta Spider, Giulia Spider oder 2600 Spieler: Der Mythos Alfa fasziniert. Wohl niemand verkörpert das klassische „La Dolce Vita“ besser als die Modelle der 50er und 60er Jahre. Für sie schwärmten schon Regisseur Federico Fellini und Filmdiva Sophia Loren. Bis heute sind diese Cabrios die Königinnen der Straße. Das bestätigen die freudigen Reaktionen der Einheimischen -ganz gleich, ob Südtirol, Lago Maggiore, Toskana oder Sizilien auf dem Reiseplan steht. „Mit diesen Autos werden Sie zum Liebling der Italiener“, weiß Laimer.

    In nur drei Jahren hat sich die Geschäftsidee von Nostalgic zum Erfolgsmodell entwickelt. Nicht zuletzt, weil zunehmend auch kommerzielle Kunden den Charme von Italien, Oldtimern und dem Gemeinschaftserlebnis entdecken. Unternehmen wie die Bankhäuser UBS und Morgan Stanley oder die Lufthansa-Töchter Airplus absolvierten erfolgreich komfortable Incentivereisen. Auch Gerhard Mayrhofer, Vorstand beim Mobilfunkanbieter O2, hat mit Giulia & Co. die Schönheit der Weinberge und Zypressenalleen erfahren. Sein Urteil: „Im offenen Alfa-Romeo-Klassiker durch die Toskana zu fahren» und den Duft der Landschaft aufzunehmen, ist ein wahrhaft sinnliches Erlebnis.“

    Text: Ulrich Nitsche

    Foto: Nostalgic

    12. Mai 2005

  • "Romanze mit Giulia"

    "Romanze mit Giulia"

    Mamma mia! Die Signorina in Rot versprüht Erotik. Super Figur. Und erst die Stimme der Kleinen – animativ heiser. Die Art, sich zu bewegen. Ihr Geruch: markant mit einer Nuance Öl. Das Objekt der Begierde: Alfa Romeo Giulia Spider. In den 60ern bekannt und geliebt als „Signorina“.

    Welch ein Kontrast zu den prall konturierten jungen Konkurrentinnen auf den Catwalks internationaler Automobil-Ausstellungen. Diese Girlies locken mit den gängigen Idealmaßen und lassen, wenn sie auf Touren kommen, nur ein ödes Schnurren vernehmen. Neue Cabrios sind schnell, ökologisch korrekt abgasgefiltert und schallgedämpft. Natürlich können Sie damit durch die Toskana fahren und dabei Spaß haben. Mit einer Hand am Lenkrad durch Kurven jagen, während die Frisur der Partnerin dank Windschott bei Tempo 130 auf der Autobahn Contenance bewahrt. Aber den Autos fehlt das Mediterran-Heißblütige, das Raffiniert-Komplizierte und Südländisch-Prätentiöse.
    Italianità erfährt man nur mit Signorina Giulia, Geburtsjahr 1963. Die jüngere Schwester der legendären Alfa Romeo Giulietta Spider steht für vieles, was wir Menschen nördlich der Alpen an Italien so lieben. Für Charakter und Temperament, das auch mal lautstark wird. Für Bella Figura und den Reiz des Imperfekten. Für anarchisches lautes Ungestüm, aber auch für Sonne und Wonne, schnörkellose Lebensfreude. Zehn solcher Prachtstücke bilden den Fuhrpark des Oldtimerreisen-Veranstalters Nostalgic. Dieser wendet sich an all jene, die zwar ein Faible für nostalgische Fahrterlebnisse, aber keinen eigenen Oldtimer in der Garage haben.

    Das erste Rendezvous mit Giulia. Trotz der Einführung durch Walter Laimer und Gert Pichler, die Firmengründer, habe ich feuchte Hände, Unsicherheit, leichtes Herzklopfen. Komme ich klar mit der Kleinen? Hoffentlich mache ich nichts falsch! Den anderen dürfte es ähnlich gehen. Man weiß ja, dass die Beschaffung von Ersatzteilen für solch bejahrte Fahrzeuge eine Sisyphusarbeit ist. Das schüchtert ein wenig ein …

    Also, Zündschlüssel umgedreht und los geht’s! Der Wagen kitzelt die Nerven mit fulminantem Brüllen und macht automatik- und servoverwöhnten Zeitgenossen in engen Kurven und an Steigungen jede Menge Arbeit. Das Getriebe verlangt beim Runterschalten ein flinkes Fußspiel. Kupplung treten, Gang in den Leerlauf, Kupplungspedal loslassen und Vollgas geben, Kupplung treten und Gang einlegen. Diese anfangs diffizile koordinative Herausforderung nennt sich Zwischengas und ist bitter nötig, sonst meldet sich das nicht synchronisierte Getriebe mit schmerzendem Knirschen und Krachen. Das Dreispeichenlenkrad ist viel größer als das moderner Wagen, außerdem dünner und wird noch für Kraftanstrengungen gebraucht. Weil man damit das Gefährt unter Bizepseinsatz über kurvige Landstraßen und enge Serpentinen der Toskana kurbeln muss. Im Zusammenspiel mit einer eigenwilligen Sitzposition und schwergängigen Pedalen macht der Begriff Sportwagen bei den Alfa-Oldies aus Sicht der Generation Golf wirklich Sinn …

    Das satt knatternde Röhren, das der durch enge Rohre gepresste heiße Atem von Giulia über sanfte Hänge und durch enge Dorfstraßen jagt, ist Musik in den Ohren. Genuss versprechend wie das Floppen beim Entkorken einer Flasche Brunello di Montalcino. Oder gemütbesänftigend wie das kaffeeselige Stimmenrauschen auf einer Piazza. Dieser Sound brachte in den 50ern und 60ern das Blut betuchter Gigolos – der Flitzer kostete 1963 mit 13.950 Mark immerhin nur einen Tausender weniger als der günstigste Porsche – mehr in Wallung als die spitzkegeligen Busen von Sophia Loren oder die blonde Anita Ekberg. Und mit Sicherheit war Giulia, für deren flotte Formen ein gewisser Gian Bartista Farina verantwortlich zeichnete, mit schuld daran, dass die eine oder andere Nordeuropäerin, die zu Hause üblicherweise nur von Trevira-Hemden tragenden Opel-Kapitän-Hahern umgarnt wurde, bei manchem Signore schneller weich wurde als Parmesan auf heißer Pasta.

    Die Karosseriekreation von „Pinin“ Farina wurde der Öffentlichkeit 1955 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt. Damals trug das Kind einen 1,3-Liter-Motor und hörte auf den Namen Giulietta. Die Italiener mussten 18 Monate auf die Auslieferung warten, da zunächst die hohe Nachfrage in den USA befriedigt werden wollte. In sieben Jahren wurden weltweit mehr als 17.000 Giuliettas verkauft. Dann kam Giulia, die mit Fünfganggetriebe und größerem Motor die Kritiker begeisterte. Zitat aus dem Zentralorgan für freie Fahrt „Auto, Motor und Sport“ von 1963: „Man kann die Maschine bis 8.000 U/min ausdrehen und ebenso gut mit 50 km/h im fünften Gang dahinrollen. Selten findet man so viel Elastizität und Drehfreudigkeit in einem Motor vereint.“ Der Autor notiert, dass Giulia den Porsche „in der Leistung übertrifft“ und „man die Motorleistung in jeder Situation optimal ausnutzen kann. Dass dazu viel Schaltarbeit erforderlich ist, versteht sich von selbst: In der Stadt und auf winkligen Landstraßen liegt die rechte Hand ständig am Quirl“.
    Nun, das mit den winkligen Landstraßen hat bei uns nicht geklappt …
    Aber Laimer und Pichler, passionierte Alfistas, lotsen uns per Roadbook über die landschaftlich schönsten und fahrerisch spannendsten Strecken der Toskana.
    So kurven wir am zweiten Tag „oben ohne“ über die Landstraßen zwischen Siena, Pienza, San Quirico d’Orcia und abschließend auf einer Panoramaroute durch die Crete Senesi, die mit ihrem kargen, sonnentrockenen Graubraun von eigenartiger spröder Schönheit sind. Die Routenführung für unsere Familie aus kurvenfreudigen Giulias und Giuliettas sowie zwei Touring Spider 2600 vermittelt neben dem Landschafts- und Fahrvergnügen auch einige kulturelle Höhepunkte und kulinarische Freuden. Ein Abstecher führt uns durch das Toskana-Klischee. Linker Hand, auf einem Hügel hinter hohen Mauern, das Städtchen Monticchiello, garniert von einem windschiefen Turm.
    Rechts davon schlängelt sich eine Straße in vielen Kurven einen sanften Hang hinauf, formvollendet gesäumt von schlanken Zypressen. So schön und perfekt, dass sich niemand wundert, als ein Filmteam auftaucht.

    Man dreht den Werbespot für ein neues Cabrio von DaimlerChrysler und bedeutet uns, das Feld zu räumen: „Mir händ die Straß’ g’mietet, die g’hört uns!“ Macht nichts! Rein in unsere Giulia, die am 17. Juli 1962 zugelassen wurde, hinter das schöne Holzlenkrad geklemmt und rauf nach Monticchiello. Ein ruhiges Örtchen in spätsommerlicher Gelassenheit, dessen beide Plätze Piazza San Martino und Piazza della Vittoria nur vom Klickern und Glucksen der Stare widerhallen. Nicht ganz so ruhig geht es in Quirico d’Orcia zu. Dafür ermöglicht es unserem Alfa einen glanzvollen Auftritt: Die Via Dante Alighieri führt in einem weiten Bogen zur alten Wehrmauer aus dem 12. Jahrhundert. An der Piazza della Liberia findet sich der Besucher in einem ideal typischen Dolce-Vita-Szenario. Hier die Horti Leonini, eine klassische italienische Parkanlage aus dem 16. Jahrhundert. Dort die „Bar Centrale“ für einen schnellen Caffe. Um die Ecke, in der Via Dante Alighieri, lockt die „Osteria Vineria II Tinaio“ mit Exquisitem wie Cinghiale alla Cacciatore (Wildschwein geschmort), Coniglio all’etrusca (Kaninchen) oder Pici-Nudeln. Das alles zu durchaus moderaten Preisen übrigens.

    Wer eine Mokkakanne, eine Mausefalle oder eine Pastakelle benötigt, sollte noch einen Blick in den bis unter die Decke voll gestopften Haushaltswarenladen Tutto per la Casa werfen.
    So schnuckelig und überschaubar die zweisitzige Giulia ist, so frech und groß-mäulig tönt sie durch die engen Gassen lies Toskana-Städtchens. Beim nötigen Zwischengas und bei 1.500 bis 1.800 U/min ist der Klang am schönsten und lässt manchen grauhaarigen Signore den Kopf herumreißen. „Diesen Klang kenn’ ich doch“ steht ins Gesicht geschrieben, über das ein verklärtes Grinsen huscht. Im Garten des Klosters Santa Anna in Campena hat das Team von Nostalgic ein Picknick für die Teilzeit-Alfistas zubereitet. Die Räume hinter den wuchtigen Ziegelfassaden des Klosters haben es zu einiger Berühmtheit gebracht. Nicht nur wegen der 500 Jahre alten Fresken im Refektorium, dessen Akustik durch ein vielfach gebrochenes Echo ausreichend Grund für das mönchische Schweigegebot ist. Toskanisches Scherenschnittspektakel. Anfangs pausbäckig mit langen Hügelreihen und properen Weinbergen, die im weichen Licht des Spätnachmittags changieren. Später dann pockennarbig mit einsamen Zypressen, die aus dem lehmig-grauen und zu Riesenschollen aufgeworfenen Boden der Crete Senesi emporragen wie Akupunkturnadeln aus der Haut eines Elefanten.

    Am Horizont reckt sich der Campanile von Siena in den Himmel. Eine schlanke Rauchfahne züngelt am Himmel und der Dorf-Capo von Asciano am Rotwein. Der jagt uns zwei Gläser später mit schwerer Zunge und der geballten Autorität seines Amtes mit Verve aus dem Parkverbot neben der Bar. Auf der Rückfahrt verlieren wir die Orientierung und kurven so abends durch die Monti del Chianti und jene Orte, die uns später auf der Weinkarte des Restaurants „La Leggenda dei Frati“ wieder begegnen sollten. Das Restaurant in einem 1.000 Jahre alten Kloster serviert eine sehr kreativ interpretierte toskanische Küche. Tunfisch im Speckmantel, Leberterrine mit süßen Feigen, Tagliatelle mit marinierten Kaninchenfilets haben mich begeistert. Ratlos bleiben die Geschmacksknospen beim etwas beliebig geratenen Zweierlei vom Val-D’Arno-Hühnchen. Die Aromen fallen sowohl bei der Brust mit schwarzen Oliven wie bei der mit Kapern und Sardellen verfeinerten Keule recht schmalbrüstig aus. Ganz im Gegensatz zum Jogurtmousse auf Erdbeeressenz mit Balsamico-Reduktion! Ein sympathischer Begleiter mit feiner Frucht und dezenten Tanninen ist der 2000er Chianti Classico des Weinguts Ormanni in Poggibonsi, der mit 17 Euro in der unteren Preisliga der umfangreichen Weinkarte spielt. Am folgenden Morgen ist Fahrzeugtausch angesagt. Wir bekommen eine elegante Giulia in der fast schon sündigen Kombination Schwarz und Rot. Und fast mein Baujahr: 1965. Die Enddreißigerin lässt zwischen Lenkrad, Schenkeln und dem langen Schalthebel etwas mehr Platz als ihre rote Schwester.

    Sehr früh rollen wir in Siena ein. Noch ist wenig los auf der Piazza del Campo. Ruhe herrscht auch noch im Dom. Dessen einzigartiger Marmorboden mit 56 Bildfeldern ist nur im September und Oktober vom Schutzboden befreit und frei zu bestaunen. Vor dem Dom recken Guides Schirme und Schilder in die Höhe, um ihre Herden beieinander zu halten. Doch keine 200 Meter vom Geschiebe und Gedränge rund um Campo und Dom spielt das normale italienische Stadtleben – genial banal. Alte Männer, schick in Schale und von schweren After-Shave-Wolken umgeben, stehen vor der „Bar Indipenza“ herum. Samstagmorgen-Tratsch unter quietschbuntem Neonschriftzug. Man scherzt zu einem Bicchiere Rotwein oder einem Campari und lädt das Reporterteam kurzerhand zu einem Caffè ein.

    Nach zwei Stunden Siena juckt der Gasfuß. Den Wind um die Nase wehen lassen. Ab durch die Colli del Chianto. Im Arbia-Tal hängen dicke, schwere Trauben an den fassonfrisierten Stöcken. Die Winzer von Lecchi sind bei der Lese. Über den Bruchsteinhäusern des Orts hängt das Rattern von Traktoren, wüstes Tschilpen von Spatzen und für kurze Zeit unser röhrendes Blubbern, das auch den Wirt des „Ristorante Malborghetto“ vor die Tür treibt. In der Küche trällert der Koch mit Goaty-Bärtchen ein „O sole ‚mio“ (ist wirklich wahr!), während sich über uns dunkle Wolken zusammenbauschen. „Das gibt endlich Regen“, prophezeit der Wirt. Woher er das wisse, fragen wir, wohl wissend, dass der Aufbau des Verdecks Geduld und Übung verlangt. „Na, das Kaffeepulver in der Maschine ist vor Regen klumpiger!“ Dann also schnell her mit den gemischten Vorspeisen, einem offenen Weißen in einer kleinen Karaffe, einer Portion Pici Strascicati und den köstlichen Ricotta-Ravioli mit einer Soße aus geschmolzenem Pecorino und Birnen. Auf die Secondi Piatti verzichten wir. Ein kluger Entschluss, denn die aufgetischten Portionen sind kaum zu bewältigen.

    Nachmittags ein zweiter Abstecher in die Crete Senesi. Über fast unwirklich nackten grauen Hängen, deren reduzierte Kargheit allein durch zypressengesäumte Zufahrten zu Weingütern unterbrochen wird, hängt ein tiefdunkler Himmel. Immer wieder zwängt sich die Sonne durch und sorgt mit Scheinwerfereffekten für dramatische Akzente, die mehr berühren als die perfekten lieblichen Toskana-Szenerien vom Vortag. Ziellos und unbeschwert – längst ist das mit dem Zwischengas in Fleisch und Blut übergegangen – flitzen wir durch die Kurven. Dolce Vita ohne Velocità.

    Der letzte Tag beginnt mit einem Blackout. Halb Italien ist ohne Strom. Eine Katastrophe: kein Caffè mit Crema aus der Gaggia. Keine Formel Eins, wo doch Gastarbeiter Schuhmacher in India-napolis Ferrari wiederholt zu Ruhm und Ehre verhelfen soll. Der Tank unseres silbernen 2600er Spider Baujahr 1963 ist voll, so steht trotz stillgelegter Tankstellen der letzten Etappe nichts im Weg. Muskelarbeit ist gefragt, um den langen Cruiser mit einem Leergewicht von fast 1,3 Tonnen souverän durch die kurvige Straße von Castellina nach Poggibonsi zu lenken und in eine von San Gimignanos engen Parklücken zu bugsieren. Heiliger Sankt Servo, hilf mir! Unterdessen fließt wieder etwas Strom durch Italiens Leitungen – und der Stadtrundgang durch San Gimignano kann doch mit einem Cappuccino beginnen. Dass hier noch 13 Türme (von einst über 70) stehen, verdankt der Ort der Tatsache, dass im 15. Jahrhundert Tributzahlungen an Florenz den Stadtsäckel geleert hatten. Da blieb kein Geld für eine Modernisierung, wie sie alle anderen Toskana-Städte vornahmen, aus denen ebenfalls Dutzende hoher Wehrtürme sprossen. Nach der Verbreitung des Schießpulvers boten die exponierten Ziele im Kriegsfall keinen Schutz mehr – Abriss! So zahlt sich die mediävale Pleite San Gimignanos 500Jahre später aus: 2,5 Millionen Besucher schieben sich jedes Jahr durch die Stadt. Sie traben hinter den Reiseleitern her und staunen darüber, dass die Findelkinder von der Stadt neben Kost, Logis, Ausbildung und Mitgift auch den heutzutage verbreiteten „Familiennamen“ Innocenti bekamen. Sind baff, dass die Fassaden der Stadt zu Feiertagen hölzerne Balkone angesteckt bekamen.

    Als der Bürgermeister der Stadt das Verdikt erließ, dass kein Turm höher als der „räudige Turm“ über dem Palazzo di Podesta sein dürfe, griffen die Bürger zu einer Finesse. Man baute sich kurzerhand zwei Türme, von denen die Spitze des einen so breit war wie die Basis des zweiten. So standen zwei Teile herum, die theoretisch aufeinander gepasst und so den kommunalen Kerkerturm um das Doppelte überragt hätten. Provokation im Konjunktiv Imperfekt. Über die wahre Größe entscheiden eben nicht nackte Fakten, sondern allein Gefühle. Und so gesehen ist die Toskana immer noch ein Paradies. Und ein Alfa Romeo aus den 60ern schlicht unschlagbar.

    Text: Peter Pfänder

    Foto: Frank Heuer

    07. Juli 2004

  • "Romeo und Giulia"

    Die Giulia, zumal in ihrer aufgeknöpften Form, ist das sinnlichste Geschöpf der Alfa-Historie, zwei Tiroler spielen ihren Romeo.

    Laimer lacht, und Pichler staunt. Der eine, Laimer, Vorname Walter, weil er grundsätzlich von sonnigem Ge­müt ist, der andere, Gert Pichler, weil er es als Zahlenmensch nie für möglich gehalten hätte, dass man sich bei Geschäf­ten auf sein Gefühl verlassen kann. Man kann, und nicht nur weil an diesem Nachmittag alles passt in Radda, einem ty­pischen toskanischen Städtchen zwischen Siena und Florenz. Menschen federn über den Marktplatz, federleicht tanzt der Milch­schaum auf dem Cappuccino, und während Laimer seinen wunderlichen Werdegang vom Polizei-Werkstattschrauber über den Juristen zum Veranstalter von Nostalgic-Reisen schildert, steckt neugierig ein Alfa Spider 2600 Touring seine Schnauze ins Bild. Er spielt die Hauptrolle in dem Stück der zwei Freunde aus Südtirol, ihrem Unter­nehmen Nostalgic und einem besonderen Kapitel automobiler Lebens-Art.

    Laimer und Pichler, beide 32, beide aus Meran. Das ist ein Gespann seit gemein­samen Schulbub-Tagen im Johanneum in Dorf Tirol. Seit damals bilden sie ein Team. Beiden hatte es der Journalismus angetan, also zogen sie während des Studiums los, Pichler mit der Kamera, Laimer war der Schreiber. Die Sache lief gut. Bis zu jener Laos-Reise, Mitte der neunziger Jahre: Der Lichtmesser der Kamera war defekt, die Story geplatzt und Pichler so bedient, dass er das mit dem Fotografieren bleiben ließ. Was blieb, war die Nähe zur Medien­branche. Gert Pichler kam nach dem Be­triebswirtschaftsstudium zu einem großen deutschen Fachverlag, war dort zuletzt Produktmanager, sein Kumpel Laimer stieg nach dem Jura-Studium bei „Time Maga­zin“ im Marketingbereich ein.

    Tja und dann kam dieser Mai 2002. Wal­ter Laimer, inzwischen im Besitz eines Alfa Giulia Spider, fragte seinen Kumpel Gert, ob er nicht Lust hätte, als Beifahrer bei einer historischen Rallye in Sizilien teilzuneh­men. Das Ergebnis war unwesentlich, das Resultat eine vollends entflammte Leiden­schaft für das berauschende Gefühl, im of­fenen, vor allem historischen Alfa zu reisen. „Wir dachten, dass es irgendwie möglich sein muss, die Einmaligkeit dieses Erlebnis­ses in eine Geschäftsidee zu gießen“, bringt es Walter Laimer auf den Punkt. „Klar war für uns, dass wir keine Reisen von der Stange anbieten wollten“, ergänzt Pichler. Erlebnisreisen nach Roadbook, ein­gebettet in kulinarisch-kulturelle Vergnü­gungen – das sollte es sein. Hauptzielgrup­pe: Unternehmen, die Geschäftspartnern und Mitarbeitern etwas Besonderes bie­ten wollen. Zur Belohnung, zur Motivation. Diese so genannten Incentive-Reisen bilden das Kerngeschäft, hinzu kommen private Gruppen. „Optimal sind 20 Teilnehmer“, sagt Laimer.

    Zehn offene Alfa der Baujahre 1957 bis 1965 umfasst der Nostalgic-Fuhrpark jetzt. Zu den acht Giulietta und Giulia gesel­len sich zwei Sechszylinder 2600 Touring Spider, die Schlachtschiff-Version, mit der die italienische Marke Anfang der Sechzi­ger ins Cruise-Erlebnis der USA kletterte. Alle Fahrzeuge haben deutsche H-Kennzeichen. Auf den Originalzustand der Alfa achten die Reiseanbieter genau, aber nicht pedantisch. Das hat den Vorteil, dass die Gäste die Auto-Schönen mit inniger Fürsorge behandeln und weniger mit mu­sealer Ehrfurcht. Nur in einem Punkt ist Lai­mer dogmatisch. Radios im Alfa sind tabu: „Hier machen die Motoren die Musik.“

    Jüngstes Baby in der Alfa-Flotte ist ein Giulietta Spider aus dem Jahr 1957. Ein putziges Fahrgeschöpf. das in seinem hinreißenden Himmelblau noch zierlicher wirkt als der grazile Sportwagen ohnehin. Derzeit wird sie von Amerigo Bigliazzi für den Alltagseinsatz hochgepäppelt. Bigliazzi, in den Siebzigern Werksfahrer im Alfa Romeo-Tourenwagenteam und 1976/77 immerhin Europameister, schraubt bereits seit 1960 auf Alfa. Sein Gesicht zer­furcht sich in tiefes Leiden, wenn er vom Niedergang Alfas unter der Ägide Fiats be­richtet, man spürt seine Freude, wenn er von den Alfa der glorreichen Fünfziger und Sechziger spricht, und man fragt ihn am besten nur ein Mal, ob er sich überlegt hat, auf einer anderen Automarke zu arbeiten. Ex-Rennfahrer Bigliazzi spielt eine be­deutende Rolle im Vergiss-den-Alltag-Kon­zept der Nostalgic-Macher. Er wartet die Fahrzeuge nach ihren Vier-Tage-Einsätzen, er ist der Ausputzer im Fall eines Defekts. Tritt ein solcher auf, gibt’s in 15 Minuten Ersatz, so das eherne Versprechen.

    Dem Ernstfall wurde diese Zusicherung bislang nicht unterzogen. Die Flottenmit­glieder haben sich allesamt als „sehr alltags­tauglich“ erwiesen, freut sich Laimer. Und die Gegebenheiten als extrem alfatauglich. Die Tateinheit aus offener Giulia und der sanft-hügeligen Landschaft um Siena ist von betörender Sinnlichkeit. Dabei wollten Pichler und Laimer zu­nächst von der Toskana nichts wissen. Touristisch „zu überkandidelt“ – so laute­te Pichlers Generalverdacht, angesichts bis jenseits der Klischeegrenze reproduzierter Landschaftsbilder. Inzwischen haben sich die beiden eines Besseren belehren lassen. Die Toskana-Reise ist der Renner in ihrem Programm, weit vor der Tour am Lago Mag­giore oder jener in Südtirol.

    Das nicht zuletzt, weil das Fahrerlebnis beglückend ungetrübt ist. Das Wetter er­spart einem das zwiespältige Vergnügen, das Dach schließen zu müssen, und zum Stau kommt es höchstens, weil freudig er­regte Italiener den Alfa-Schönen noch ein breit dahingelächeltes „bella macchina“ mit auf den Weg geben wollen. Dann geht’s wei­ter, brabbelnd, winkend, lächelnd. Wer hier Stress empfindet, braucht fachlichen Beistand. Dringend.

    Laimer und Pichler schuften schwer für die Entspannung. Selten haben ihre Arbeits­tage unter 14 Stunden. In der Gewissheit, dass Individualität nur funktioniert, wo per­sönlicher Einsatz dahinter steckt, machen sie alles selbst. Holen die Gäste von Flughä­fen ab, bauen Picknicks in Klosterhöfen auf, wedeln Staub von den Fahrzeugen und pla­nen immer neue Routen.

    Der Erfolg der ersten Saison hat ihre Euphorie befeuert. Der größte Anbieter individueller Oldtimerreisen wollen sie in Eu­ropa werden, rutscht es Gert Pichler heraus. Dann meldet sich der Kopf-Mensch in ihm: „Erst müssen wir den Erfolg bestätigen.“

    November 2003