{"id":206,"date":"2005-11-24T10:47:27","date_gmt":"2005-11-24T09:47:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nostalgic.de\/?p=206"},"modified":"2005-11-24T10:47:27","modified_gmt":"2005-11-24T09:47:27","slug":"mit-zwischengas-in-den-zweiten-gang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nostalgic.de\/us\/mit-zwischengas-in-den-zweiten-gang\/","title":{"rendered":"&quot;Mit Zwischengas in den zweiten Gang&quot;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im alten Alfa Giulietta zu neuer Lebensfreude \u2013 Eine andere europ\u00e4ische Kulturgeschichte auf Sizilien erfahren.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAmore, Amore!\u201c riefen die beiden \u00e4lteren italienischen Herren am Wegesrand und winkten verz\u00fcckt. Eine Erscheinung war in ihr Leben getreten, und sie wurden wieder die J\u00fcnglinge, die sie einmal waren. Alles Schwere und Langsame fiel von ihnen ab, in der Begeisterung wurden sie leicht wie die Luft und hell wie das Licht. In ihren Augen gl\u00e4nzte eine Zeit, die nicht mehr ist, deren Zauber aber sich heute st\u00e4rker denn je verbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben, die Damen in den Cabrios zogen den bewundernden Blick des Passanten auf sich, aber selbst die m\u00e4nnliche Eitelkeit bestand darauf, dass weibliche Sch\u00f6nheit nicht allein die Wunder am Wegesrand vollbracht hatte. Es war buchst\u00e4blich viel zu offensichtlich, dass wir uns in einem Fluidum bewegten, das Glanz, Sehnsucht und sehr viel Nostalgie ausstrahlte \u2013 auf die Zuschauer am Stra\u00dfenrand und nicht weniger auf uns. Und damit beginnt die Geschichte einer Verwandlung, von der man manchmal vielleicht tr\u00e4umt, von der man aber im Traum noch ganz sicher wei\u00df, dass sie f\u00fcr immer ein Traum bleiben muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagen wir es so, wie es war: Als wir die roten Giulietta Spider auf einem ganz prosaischen Parkplatz an der K\u00fcstenstra\u00dfe Siziliens unterhalb Taorminas erblickten, schlug das Herz h\u00f6her, und es erfasste uns eine Art R\u00fchrung, zu vergleichen mit dem Gef\u00fchl, mit dem wir aus dem Abstand vieler Jahre das Foto einer Jugendliebe betrachten \u2013 mit dem Unterschied, dass die Jahre gleich ausradiert sein sollten. Aber das ahnten wir noch nicht, voller Bewunderung f\u00fcr die schlichte Eleganz dieser Wagen, die nur in der Sonne des S\u00fcdens zur Geltung kommt und doch einst auf Insistieren eines amerikanischen Autoimporteurs erst geschaffen wurden. Wie sie da so anmutig standen, waren sie merkw\u00fcrdig vertraut, so oft haben wir sie in italienischen und franz\u00f6sischen Filmen aus den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren gesehen. \u201eLa Signorina\u201c, das Fr\u00e4ulein, nannte man diesen Wagen, als er 1955 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt wurde. Grace Kelly sa\u00df in diesem Wagen, dessen Versprechen die Leichtigkeit des Seins ist und um so kontrastreicher tragisches Schicksal und Liebesleid die Serpentinen hoch- und runterfahren l\u00e4sst. Auch Sophia Loren und Marcello Mastroianni.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die strahlenden Schauspielerinnen und Schauspieler von einst sind matt und grau geworden und mussten das Spiel an andere abgeben. Diese Filmhelden auf vier R\u00e4dern aber sehen aus wie damals: Sie gl\u00e4nzen, sie flirten mit dem Betrachter und sind augenblicklich zu einer Entf\u00fchrung aus reiner Liebe bereit. Dabei veranstalten sie kein Spektakel, sondern sind einfach das immer wieder erneuerte Versprechen reiner Gegenwart. Wer k\u00f6nnte widerstehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag zuvor, beim Betrachten der Ruinen des Teatro Greco, hinter dem in der Ferne der \u00c4tna aufragt, ist eine Phantasie entstanden, eine Ahnung, wie Kunst und Natur einst aufeinander gestimmt sein mochten, wie das Komische und das Erhabene sich vers\u00f6hnte und verband, wie einmal die reine Proportion die Umgebung in einem Gleichklang schwingen lie\u00df, der den Menschen ohne Zwang mit allem um ihn herum in eins setzte. Alle Wut, alle Trauer mochte versiegt sein und einem einzigen stillen Gef\u00fchl Raum gegeben haben. Die Umwelt, soviel verstehen wir, ist \u00c4sthetik oder sollte doch so sein. Und diese \u00e4sthetische Umwelt, geschaffen und geformt mit dem Blick auf Wesentliches, wirkt auf die Menschen zur\u00fcck. Sich selbst zu erschaffen ist zweite Natur. Und in dieser zweiten Natur wird ebensoviel, wenn nicht mehr als in der ersten Natur ges\u00fcndigt. Wir \u00fcbten in dem Alfa Romeo also bu\u00dffertig t\u00e4tige Reue und nahmen uns vor, dem Wagen gerecht zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der antiken St\u00e4tte nach Taormina hinein m\u00f6chte man gleich neidisch werden auf die Veteranen des Kaisers Augustus, die hier in einer Kolonie angesiedelt wurden. Wie eine Waage liegt der Corso, die Hauptverkehrsstra\u00dfe der nahezu autofreien Stadt, zwischen der Porta Catania und der Porta Messina. Auch wenn die Filialen gro\u00dfer Modemarken und anderer Unternehmen das Terrain weitgehend unter sich aufgeteilt haben und so die vertraute Einf\u00f6rmigkeit auch hier eingezogen ist \u2013Atmosph\u00e4re und Flair sind nicht verflogen, und man m\u00f6chte gern in den sch\u00f6nen Irrglauben verfallen, dass die mehr als eine Million Reisenden, die Taormina jedes Jahr besuchen,<br \/>\nvon dem St\u00e4dtchen und der Landschaft ganz absorbiert werden, dass sie ihrer Umgebung durch einen geheimen Mechanismus sanft angepasst werden und so niemand hier fehl am Platz sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Griff tastet nach der Sitzeinstellung. Da gibt es ein Vor und Zur\u00fcck, und ansonsten passt man sich der Form an. Der zweite Griff f\u00fchrt nach jedem Einsteigen zum Sicherheitsgurt. Er fehlt, er war nie da. Der dritte Griff gilt dem Schaltkn\u00fcppel. Die G\u00e4nge lassen sich wunderbar knackig einlegen, und l\u00e4ngst wieder zu Hause, geht die Bewegung immer noch dorthin, wo bei der Giulietta Spider der R\u00fcckw\u00e4rtsgang liegt. Es ist an diesem sp\u00e4t herbstlichen Morgen angenehm warm, um die zwanzig Grad, und die kleine Gruppe der sechs Spider macht sich gut ausger\u00fcstet mit Getr\u00e4nken und passenden Kappen als Sonnenschutz auf die Fahrt hinauf zum \u00c4tna. Eine Fahrt, die keiner vergessen wird, weil Naturschauspiel und Performance der Alfa Romeo Spider, um es mit einem Begriff aus dem Motorsport zu sagen, miteinander um die Wette eifern, und die Fahrer in dieser Konkurrenz von Anmut, Gr\u00f6\u00dfe und \u00dcberraschung mal dieser, mal jener Seite zuneigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst wenn der Motor abgestellt ist, endet dieses Spiel keineswegs. Dann n\u00e4mlich ist die Karosse ein koketter Farbtupfer, der den schwarzen Vulkan l\u00e4cheln l\u00e4sst. Zu diesem Zeitpunkt liegen aber schon viele Kilometer hinter uns, die uns das Fr\u00e4uleinwunder aus Italien so nahe brachten, dass wir es nicht nur wegen seiner Sch\u00f6nheit bewundern, sondern auch wegen seines Charakters sch\u00e4tzen lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das Anlassen des Motors, der kein Soundmanagement brauchte, gehen wir einmal hinweg, als sei es ein Klischee. Es sei nur versichert, dass alle Beschreibungen dazu mit Recht Klischee geworden sind \u2013 weil wahr ist, was dahintersteckt. Dieser Ton ist Musik wie Adriano Celentanos \u201eAzzurro\u201c, ist neben dem eingel\u00f6sten Versprechen der Sch\u00f6nheit und ewigen Gegenwart der Reiz einer St\u00e4rke, die sich nicht nach absoluten Pferdest\u00e4rken misst. Das Fr\u00e4ulein Giulietta hat keinerlei Babyspeck und braucht keine enormen Muskeln, um leichtf\u00fc\u00dfig die Gassen zu durcheilen und sich mit der Freude an der schieren Bewegung die Serpentinen hinaufzubewegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Kunstsch\u00e4tze, ging es mir durch den Sinn, die Geschichte, Friedrich der Zweite, die Arch\u00e4ologie, der Zusammenklang der Kulturen von Abend- und Morgenland? Alles vergessen angesichts der n\u00e4chsten Haarnadelkurve, die man ohne hydraulische Bremskraftverst\u00e4rker nehmen muss; unbedeutend angesichts der Herausforderung, mit Zwischengas sanft und doch<br \/>\ndruckvoll vom dritten in den zweiten Gang herunterzuschalten. Ist das die kultivierteste Form der Ignoranz? Solche Fragen fallen denen, die dabei waren, wirklich erst zu Hause ein, bei der R\u00fcckverwandlung in den Benutzer der A 5 im Stopp and Go vor dem Offenbacher Kreuz. Unterwegs, das war eine andere Geschichte, eine Kulturgeschichte eigenen Rechts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwandlung, von der schon die Rede war, versetzte uns tats\u00e4chlich in eine Zeit, in der die zaghaften Anf\u00e4nge europ\u00e4ischer Sozialreform in den drei\u00dfiger Jahren mit bezahltem Urlaub und einer rechtlich und finanziell verbesserten Stellung der Arbeiter und Angestellten sich mit der Massenindustrialisierung der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre verband und in einer Demokratisierung des Lebensgenusses gipfelte; deren Schattenseite war auch deshalb noch nicht unmittelbar sichtbar, weil sich diese neue Kultur erst allm\u00e4hlich auf breiter Front durchsetzte. Man f\u00e4hrt also nicht mit dem Fahrstuhl in die R\u00f6merzeit, sondern mit dem Alfa in die fr\u00fche Europazeit zur\u00fcck. In ein Europa, das im nachhinein idyllisch erscheint. Die Nationen waren zwar nach dem Weltkrieg auch nicht mehr richtig bei sich, aber, von den Deutschen abgesehen, sie bemerkten es noch nicht und lebten ihre Eigenarten nicht zuletzt im Automobil aus. In Frankreich, das die funkelnde h\u00f6fische Kultur noch stets mit kriegerischem Geist verbunden hatte, entstand neben der g\u00f6ttlichen DS, der D\u00e9esse, auch ein Major, und in Opel-Deutschland freute man sich an der klaren Hierarchie von Commodore, Admiral und Kadett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Italien aber herrschte der Fr\u00fchling einer charmanten Selbstvergessenheit, die bis heute nicht ausgel\u00f6scht ist. Und so erf\u00e4hrt man wahrhaftig ein St\u00fcck europ\u00e4ischer Geschichte, wenn man \u00fcber die Insel f\u00e4hrt. W\u00e4hrend heute im europ\u00e4ischen Automobilbau fast \u00fcberall Arbeitspl\u00e4tze verloren gehen, bewegt man sich mit den legend\u00e4ren Alfas in eine Zeit, da diese Industrie gerade ansetzte, zu einem Schl\u00fcssel der europ\u00e4ischen Nachkriegsgesellschaften zu werden. Etwas von dieser Stimmung geht auch heute auf die Fahrer \u00fcber. So also kann es sich anf\u00fchlen, wenn uns die Lust am Leben ergreift. Warum \u00fcber den Wolken auf das Verschwinden aller Sorgen hoffen, wenn es auf der Erde so sch\u00f6n m\u00f6glich ist. Ohne ABS und ESP, aber auch ohne doppelte Sicherheitskontrollen vor dem Einsteigen wird man durch das Gef\u00e4hrt, das schnell zum Gef\u00e4hrten wird, auf eine Reise in ein anderes mentales Land, in eine andere mentale Zeit mitgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Euphorie-Reise wirkt lange nach \u2013 und macht zu Hause noch einmal richtig klar, in welch graues Depressionsloch wir uns gehockt haben im europ\u00e4ischen Alltag zwischen Vogelgrippe, Arbeitslosigkeit und Klimakatastrophe. Der Alfa Spider der fr\u00fchen sechziger Jahre, der noch meilenweit von der sp\u00e4teren Alfa Misere entfernt ist, hat eine besondere Aura, die niemanden ganz unber\u00fchrt l\u00e4sst: als das Auto des Optimismus, des Aufbruchs und der Freiheit \u2013und dabei doch von gro\u00dfer Zuverl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So werden es auch die beiden jungen Unternehmer der vor zwei Jahren gegr\u00fcndeten Firma \u201eNostalgic\u201c empfunden haben, die, einmal verzaubert, den Mut gefunden haben, andere an dieser Verzauberung teilhaben zu lassen. Denn auch in Sizilien wachsen die Alfas nicht wie Zitronen an den B\u00e4umen, und man kann sich leicht den logistischen Aufwand vorstellen, gut erhaltene Exemplare der Alfa Giulietta in ausreichender Zahl zu finden und in die Toskana, an den Bodensee oder eben nach Sizilien zu bringen. Auch dies ist eine Geschichte der Verwandlung, von der man gern so viel mehr als deutsche Wirklichkeit erleben w\u00fcrde. Walter Laimer und Gert Pichler jedenfalls waren mehr oder weniger zufrieden in ihren ausk\u00f6mmlichen B\u00fcroberufen, als sie sich f\u00fcr das Leben mit dem \u201eFr\u00e4ulein\u201c entschieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein Risiko, so wie es ein Risiko sein mag, ohne ESP zu fahren. Aber dieses Risiko wurde durch die Faszination wettgemacht, die auch auf andere wirkte und so den beiden Unternehmern wichtige Helfer bescherte. An erster Stelle Daniel von Busse, ein engagierter Karriere-Planer, der sonst f\u00fcr viel Geld entlassenen Managern und anderen hilft, beruflich wieder eine Spur zu finden. Hier gab er dem Vergn\u00fcgen an der Unternehmung den Vorzug und unterst\u00fctzte sie mit wichtigen Hinweisen, am wichtigsten die Bekr\u00e4ftigung: Es gibt eine wirkliche Sehnsucht nach diesen Autos, deren Nachfolger man sich in der Jugend nicht leisten konnte, es gibt ein Bed\u00fcrfnis nach diesem anderen Lebensgef\u00fchl und dieser Art des Reisens \u2013 nicht nur bei Individualreisenden, sondern auch in den Unternehmenskulturen, in denen man h\u00e4nderingend nach ungew\u00f6hnlichen \u201eIncentives\u201c, also Belohnungen sucht. In der Tat: Wenn einer f\u00e4hrt und der andere mit dem Roadbook in der Hand den Weg weisen muss, dann kann das f\u00fcr den Zusammenhalt nur f\u00f6rderlich sein. Es muss ja nicht immer mit \u201eAmore, Amore\u201c enden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Text: Michael Jeismann <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Foto: Wolfgang Wilhelm<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">24. November 2005<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im alten Alfa Giulietta zu neuer Lebensfreude \u2013 Eine andere europ\u00e4ische Kulturgeschichte auf Sizilien erfahren. \u201eAmore, Amore!\u201c riefen die beiden \u00e4lteren italienischen Herren am Wegesrand und winkten verz\u00fcckt. Eine Erscheinung war in ihr Leben getreten, und sie wurden wieder die J\u00fcnglinge, die sie einmal waren. 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