{"id":195,"date":"2008-07-15T10:36:23","date_gmt":"2008-07-15T08:36:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nostalgic.de\/?p=195"},"modified":"2008-07-15T10:36:23","modified_gmt":"2008-07-15T08:36:23","slug":"zeit-machine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nostalgic.de\/us\/zeit-machine\/","title":{"rendered":"&quot;Zeit Maschine&quot;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Oldtimer kann vieles sein: Geldanlage, Frauenf\u00e4nger oder Groschengrab. Doch vor allem ist er ein Lebensgef\u00fchl. Und das kann man erleben, ohne es gleich zu kaufen. Mieten geht auch.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ger\u00e4usch ist f\u00fcrchterlich: eine Mischung aus Sand im Getriebe und Metall auf Asphalt &#8211; und das bei fast jedem Schaltvorgang. Automatisch rutsche ich etwas tiefer in den Fahrersitz, so als w\u00fcrde dieses f\u00fcrchterliche Ger\u00e4usch schwer auf meine Schultern dr\u00fccken. Und ein bisschen ist es ja auch so: Es tut mir leid, furchtbar leid. Zwischengas ist absolut notwendig, wenn man vom dritten in den zweiten Gang runterschaltet. Kupplung treten. Auskuppeln. Vollgas geben. Kupplung treten. Gang einlegen. Und das Ganze bitte m\u00f6glichst schnell. Doch wer bei der Bundeswehr seinerzeit nicht Lkw gefahren ist, hat damit seine liebe M\u00fche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Gl\u00fcck bin ich nicht der Besitzer dieses wundersch\u00f6nen Alfa Romeo Giulia Spider von 1962, sondern nur der Fahrer. Ein Wochenende rauschen wir mit Miet-Oldtimern durch die Toskana &#8211; alles Alfa-Romeo-Cabrios aus den 50er- und 60er-Jahren. Der Weg ist das Ziel, es geht um Erleben und Erfahren. Eine Tour in die automobile Vergangenheit, in der eh alles besser war. Zumindest der Benzinpreis. Der lag damals bei etwa 30 Cent pro Liter. Erderw\u00e4rmung und Feinstaub waren noch die Probleme von Science-Fiction-Autoren, als die ersten Deutschen mit ihren VW-K\u00e4fern \u00fcber die Alpen krochen und auf dem R\u00fcckweg \u201ela dolce vita&#8220; mit nach Hause brachten: Pasta und Alfa. Gef\u00fchlt schien fortan immer die Sonne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie an diesem Freitagmorgen, 60 Kilometer s\u00fcdwestlich von Florenz. Ein gem\u00fctliches Blubbern lockt die Besucher des kleinen Landhauses auf den vorgelagerten Parkplatz. Vier Zylinder, Doppelvergaser, 1000 Umdrehungen im Leerlauf, und das alles 20-mal. Im Hof laufen sich Alfas warm &#8211; dachlose Zeitmaschinen mit obenliegender Nockenwelle. Die G\u00e4ste haben jeweils 2000 Euro f\u00fcr dieses Wochenende bezahlt. Daf\u00fcr stehen ihnen die sch\u00f6nsten Modelle zur Verfugung, die das Alfa-Werk in Mailand je verlassen haben. Die Flotte umfasst zwei 1300er, neun 1600er, drei 1600er-Veloce, zwei 2600er-Touring und vier Duettos \u2014 alles Spider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versammelt haben sich Menschen, die gern einen Oldtimer h\u00e4tten, aber keine Zeit haben, sich um das Gef\u00e4hrt zu k\u00fcmmern. Und Frauen, die ihren M\u00e4nnern hier ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Geschenk pr\u00e4sentieren, und M\u00e4nner, die sich mal selbst beschenken. Gebucht wurde \u00fcber den Veranstalter Nostalgic. Seit 2003 haben sich die M\u00fcnchner einen Fuhrpark von 20 Alfa Romeo Spider aufgebaut und vermieten diese f\u00fcr organisierte Touren durch den S\u00fcden Europas: Toskana, Lago Maggiore, Sizilien, Dolomiten oder C\u00f4te d&#8217;Azur. Wer mag, kann diese Touren voll organisiert erleben. Wer die Landschaft lieber allein erkundet, kann sich von der Gruppe l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charmant an diesen Autos ist, dass sie nicht bis zur Seelenlosigkeit restauriert wurden. Sie alle zeigen eine gesunde Patina. Und: Sollte eine der betagten Damen ausfallen, steht immer ein Ersatzwagen bereit. In den kommenden vier Tagen liegen 427 Kilometer vor den G\u00e4sten. Treffpunkt ist immer dasselbe Landhaus. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck beginnt die Tagestour. Jeder darf sich einen Wagen aussuchen. Zum Mittag wird getauscht. Die erste Begegnung mit der Giulia ist ein erhebendes Gef\u00fchl. Es ist wie ein Date mit einer sch\u00f6nen Frau. Denn das Auto hat perfekte Proportionen, Die Form ist flie\u00dfend. Mit etwas mehr Blech an den richtigen Stellen. Olfaktorisch eine Komposition aus Benzin und Leder. Sehr edel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6nigin unter den italienischen Fr\u00e4uleinwundern ist die Giulia 1600 Veloce. Veloce steht f\u00fcr schnell. Das war sie damals, und das ist sie noch heute. Nur 1091 St\u00fcck wurden von diesem Sportwagen gebaut, der sich damals mit Porsche 912 und Mercedes 190 SL messen konnte und nicht selten besser abschnitt. Auch preislich wilderte der Wagen im gleichen Segment. F\u00fcr ein F\u00fcnfganggetriebe und ein drehfreudiges Aggregat mit 112 PS musste der Sportwagenenthusiast im Jahr 1962 etwa 14.000 Mark zahlen. Daf\u00fcr bekam man schon eine 2-Zimmer- Wohnung in Rom &#8211; aber wer will schon eine Immobilie, wenn man mit so etwas Sch\u00f6nem mobil sein kann? Heute kostet die Begleiterin um die 35.000 Euro, alles in allem ein durchaus leichtes M\u00e4dchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 885 Kilo lassen sich m\u00fchelos beschleunigen. Nur das Abbremsen mit den vier Trommelbremsen ist eine echte Herausforderung. Hinzu kommen das st\u00e4ndige Zwischengas beim Herunterschalten und eine Lenkung, die erheblich Spiel nach links und rechts hat. Es ist: einfach wunderbar. Sicherheitsgurte und Kopfst\u00fctzen sucht man vergebens. Sicherheitsm\u00e4ngel sind in diesem Auto ein Zeichen von Originalit\u00e4t. Die technischen Unzul\u00e4nglichkeiten machen in einer nach Perfektion strebenden Automobilwelt das Fahren zu einem urspr\u00fcnglichen Erlebnis. Der Pilot ist wieder Herr und nicht Gast in seinem eigenen Auto. Die Strecke f\u00fcr die Tour ist in einem Roadbook vorgegeben. Es tr\u00e4gt den Titel: \u201eTraumstra\u00dfen der Toskana&#8220;. Und das ist noch nicht mal eine \u00dcbertreibung. Traumhafter geht es kaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gleiten durch Zypressenalleen, vorbei an Weinreben und Olivenb\u00e4umen, immer den Wind in den Haaren. Als Etappenziele stehen heute Siena und Volterra auf dem Plan. Doch diese St\u00e4dte sind uns eher unwichtig. Die Landschaft ist uns nur schm\u00fcckendes Beiwerk einer emotionalen Vierrad-Erfahrung. Und so schl\u00e4ngelt sich die Kolonne auf wundersch\u00f6n gezogenen Kurven durch eine Gegend, die schon Goethe begeisterte. \u00dcber Italien schrieb er, dass \u201ehier das Gro\u00dfe war, ist und immer sein wird&#8220;. Wobei gerade das Kleine diese Gegend gro\u00df macht. D\u00f6rfer, an denen die Zeit offenbar spurlos vor\u00fcbergezogen ist. Nirgendwo passt ein Alfa Romeo Spider besser hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abends, nach vielen Kilometern, wenn es zur gemeinsamen Cena geht, sind wir fast ein wenig traurig, dass ein Tag nur dreizehn Stunden Licht spendet. Denn mit dem Alfa ist es wie mit einem guten Essen: Am besten genie\u00dft man es dort, wo es herkommt. Sonst verliert es seinen einzigartigen Geschmack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dazu geh\u00f6rt in unserem Fall auch das l\u00e4stige Zwischengas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Text: Tim Gutke<br \/>\nFoto: Lucas Verbeke<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Juli 2008<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Oldtimer kann vieles sein: Geldanlage, Frauenf\u00e4nger oder Groschengrab. Doch vor allem ist er ein Lebensgef\u00fchl. Und das kann man erleben, ohne es gleich zu kaufen. Mieten geht auch. Das Ger\u00e4usch ist f\u00fcrchterlich: eine Mischung aus Sand im Getriebe und Metall auf Asphalt &#8211; und das bei fast jedem Schaltvorgang. 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