{"id":227,"date":"2013-09-05T11:14:33","date_gmt":"2013-09-05T09:14:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nostalgic.de\/?p=227"},"modified":"2013-09-05T11:14:33","modified_gmt":"2013-09-05T09:14:33","slug":"leicht-sinnlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nostalgic.de\/en\/leicht-sinnlich\/","title":{"rendered":"&quot;Leicht sinnlich&quot;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im klassischen Alfa vier Tage durch die bet\u00f6rende Landschaft der Toskana \u2013 ein schon sinnliches Vergn\u00fcgen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann betrachtete die Mobilisierung der Massen eher von der praktischen Warte aus, gleichwohl wurde dadurch sein Blick auf Auto-\u00c4sthetik nicht verstellt. Und so ist denn von Henry Ford \u00fcberliefert, dass er &#8211; wo immer ein Alfa seine Wege kreuzte -den Hut vor der Marke zog. Einer Marke, die einst wie keine andere f\u00fcr das Sch\u00f6ne, Leichte, S\u00fcffige stand, das Dolce im italienischen Vita. Okay, die Sache mit dem Hut hat sich ziemlich erledigt. Henry Ford lebte nur bis zum 7. April 1947, und die Sache mit dem H\u00fcte ziehen ist sp\u00e4testens seit den F\u00fcnfzigern aus der Mode gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansonsten gibt es so ziemlich das ganze Spektrum g\u00e4ngiger Sympathiekundgebungen, als sich die grazile Autoflotte &#8211; bestehend aus der zierlichen Alfa Giulietta 1300, der durchtrainierten Giulia und dem ernsten Alfa Spider Touring &#8211; durch die D\u00f6rfer und Weinberge n\u00f6rdlich von Siena windet: Kussh\u00e4nde fliegen, Rebscheren werden geschwenkt, Liebeserkl\u00e4rungen in die Luft gehaucht. Und gewunken wird in einer Intensit\u00e4t, als f\u00fchre der Heilige Vater im Papamobil vorbei. Dabei w\u00e4ren sie fast nicht hier. Als Walter Laimer und Gert Pichler zur Realisierung ihrer Gesch\u00e4ftsidee von stilvollen Oldtimerreisen vor etwa zwei Jahren das Unternehmen Nostalgic gr\u00fcndeten, war zwar klar, dass das Rad der automobilen Zeit mittels der klassischen Alfa Spider aus den F\u00fcnfzigern zur\u00fcckgedreht werden sollte, aber die Toskana? Gert Pichler -r\u00fcmpfte da erst mal die Nase. Zu \u00fcberkandidelt erschien ihm die von Bildungsb\u00fcrgern niedergewanderte und zuget\u00f6pferte Toskana, als dass man dort noch ein Konzept f\u00fcr Individualreisen umsetzen k\u00f6nnte. Tats\u00e4chlich ist es schon ein kleines Kunstst\u00fcck, im Dreieck Siena, Florenz, Arezzo noch Ecken auszumachen, die man nicht schon an der Wartezimmerwand beim Zahnarzt angeg\u00e4hnt h\u00e4tte. Andererseits: Die Toskana im historischen Alfa unter die R\u00e4der zu nehmen, das ist wahrscheinlich die sinnlichste Form des Reisens. Und w\u00e4re es nicht so abgedroschen, in Bezug zu einem Auto von Erotik zu sprechen &#8211; hier k\u00f6nnte man durchaus in Versuchung kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Generell ist der studierte Betriebswirt Gert Pichler ein Zahlenmensch, auf die Toskana l\u00e4sst er dennoch nichts mehr kommen. Mit drei Viertagesreisen ist das junge Unternehmen in die Premierensaison gestartet &#8211; eine in S\u00fcdtirol, eine am Lago Maggiore und eben jene in der Toskana. Diese ist der Renner, und das gleicherma\u00dfen bei den Privattouren als auch dem, was den Hauptteil des Nostalgic-Gesch\u00e4ftes ausmacht &#8211; so genannte Incentive-Reisen zur Gesch\u00e4ftsanbahnung in edlem Ambiente, zur Belohnung verdienter Mitarbeiter oder zur weiteren Motivationsf\u00f6rderung. Die Voraussetzungen sind exzellent. Zehn Alfa Spider schickt Nostalgie an den Start: Acht Giulia und deren kleinere Schwester Giulietta sowie zwei 2600 Touring, mit denen Alfa Anfang der 60er auf Beach Boy-Fang in die Staaten ging. Alle Autos haben H-Kennzeichen, sind im Originalzustand und sehr gepflegt. Aber auch hier gilt: Immer sch\u00f6n locker bleiben. Ohne museale Verkrampftheit n\u00e4hern sich die G\u00e4ste den Autos. Es herrscht kein Corso-Fahrzwang, und es gibt keine notorisch besorgten Blicke, wenn sich mal ein Staubk\u00f6rnchen aufs polierte Blechkleid senkt. Einfach deshalb, weil die S\u00fcdtiroler zwar deutsch sprechen, ihnen aber die Scheckheftpflegermentalit\u00e4t v\u00f6llig abgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die braucht\u2019s auch nicht. Mit beinahe r\u00fchrender F\u00fcrsorge begegnen die Fahrer den grazilen Gesch\u00f6pfen. Und die gleichsam nat\u00fcrliche Ehrfurcht der Italiener bewahrt die Autos vor \u00dcbergriffen jedweder Art &#8211; von st\u00e4ndigen T\u00e4tscheleien wurstdicker Fanfinger einmal abgesehen. Auch Ermahnungen zu gem\u00e4\u00dfigter Fahrweise er\u00fcbrigen sich. Keiner k\u00e4me auf die Idee, die Autos an ihre Leistungsgrenze zu treiben. Der Reiz der Touren liegt im v\u00f6llig entspannten Dahingleiten durch Zypressenhaine und durch die legend\u00e4ren Weinberge des Chianti. Nicht einmal das Mille-Miglia-Teilst\u00fcck zwischen Ville di Corsano und Monteroni reizt, es den Rallye-Helden vergangener Zeiten gleichzutun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiewohl gerade die sportliche Giulia mit ihrem l6OOer-Motor und ihren auch nach 40 Jahren noch \u00fcberraschend vitalen Fahrleistungen eine sportlichere Gangart gut verkraften k\u00f6nnte. Was sich vom Schlachtschiff der Flotte, dem 2600 Touring, nicht wirklich behaupten l\u00e4sst. Eindeutig ist der Touring nicht f\u00fcr das Auf und Ab, das Links und Rechts der toskanischen Kurvenlandschaft geschaffen. Und bereitet gerade deshalb ganz besonderes Vergn\u00fcgen &#8211; als kurve man mit einem Passagierdampfer einen Wildwasserkanal hinab. M\u00e4chtig schiebt der Touring \u00fcber die Vorderachse, sein Geradeauslauf ist m\u00e4\u00dfig, und am Abend sorgt die geleistete Arbeit f\u00fcr die vermutlich lustvollste Art, Muskelschmerz zu versp\u00fcren. Aber wie gesagt. Nicht die Hatz von A nach B ist das Ziel, sondern der Weg. Die Entspanntheit des Reisens dokumentiert sich in der Haltbarkeit der eingesetzten Autos. Gr\u00f6\u00dfere Sch\u00e4den blieben bislang aus, und taucht doch mal ein technisches Wehwehchen auf, steht ja noch Amerigo Bigliazzi parat. Dieser betreibt in Siena eine Alfa-Werk statt und betreut die Nostalgic-Flotte technisch.<br \/>\nBigliazzi war einst Alfa-Werkspilot, kam in der Saison 1976\/77 zu Europameisterehren im Tourenwagenchampionat und entspricht ganz den idealtypischen Vorstellungen eines Alfa- Schraubers. Klein, drahtig und einen verwegenen Schlag im Blick. Wenn er dann von seiner Beziehung zu Alfa spricht, klopft er sich ans Herz. Derart kommentiert er ungewollt die Veranstaltung, die Nostalgic Reisen anbietet. So liebevoll der Umgang mit den Autos, so exakt sind die Roadbooks ausgearbeitet, und so erstklassig sind die angesteuerten kulinarischen Ziele. Auch hier gilt einmal mehr: alles sehr individuell und edel, aber nicht \u00fcberkandidelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So droht nur ein gr\u00f6\u00dferes Restrisiko &#8211; das Wetter. Das k\u00f6nnte, wie Laimer wei\u00df, eine Bew\u00e4hrungsprobe werden. Wenn Nieselregen die Toskana verschleiert, wartet die Herausforderung, eine zusammengew\u00fcrfelte Reisegruppe bei Laune zu halten, deren Teilnehmer nicht tun k\u00f6nnen, wof\u00fcr sie immerhin 2000 Euro pro Kopf bezahlen: Cabrio fahren im Stil der F\u00fcnfziger. Henry Ford w\u00fcrde vermutlich einfach den Hut wieder aufsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Text: Frank Volk<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Foto: Beate Jeske<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rz 2004<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im klassischen Alfa vier Tage durch die bet\u00f6rende Landschaft der Toskana \u2013 ein schon sinnliches Vergn\u00fcgen. Der Mann betrachtete die Mobilisierung der Massen eher von der praktischen Warte aus, gleichwohl wurde dadurch sein Blick auf Auto-\u00c4sthetik nicht verstellt. 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