{"id":161,"date":"2010-05-14T09:41:28","date_gmt":"2010-05-14T07:41:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nostalgic.de\/?p=161"},"modified":"2010-05-14T09:41:28","modified_gmt":"2010-05-14T07:41:28","slug":"nur-der-hintern-war-zeuge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nostalgic.de\/en\/nur-der-hintern-war-zeuge\/","title":{"rendered":"&quot;Nur der Hintern war Zeuge&quot;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alfa Romeo feiert 100. Geburtstag. Ein Grund f\u00fcr RONDO, das Alfa-Museum bei Mailand zu besuchen und den Z\u00fcndschl\u00fcssel einer Giulia Spider aus dem Jahre 1964 zu drehen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr dickes Blech ist schwarz wie Anna Magnanis Haar, ihre Lederpolster rot wie Campari. Statt einer Dauerwelle hat sie Nockenwellen, und in ihren Felgen spiegelt sich an diesem Morgen der Lago Maggiore. W\u00e4re man Huttr\u00e4ger, man w\u00fcrde es in diesem Moment Henry Ford gleichtun. Es geht die M\u00e4r, dass er vor jedem Alfa Romeo seinen Hut zog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da steht sie also, die Giulia Spider 1600 - ein Cabrio aus dem bunten Bilderbuch italienischer Designgeschichte. Ihr Zulassungsschein sagt, dass sie im April 1964 die Stra\u00dfen Italiens erblickte. Sydney Poitier erh\u00e4lt in diesen Tagen als erster schwarzer Schauspieler einen Oscar, der Ohrwurm der Stunde lautet \"Komm gib mir deine Hand\" der Beatles. Das Alfatier geh\u00f6rt zur Flotte der M\u00fcnchner Agentur Nostalgic, die mit ihren mittlerweile 25 Alfa-Oldtimern Dolce-Vita-Wochenenden in der Toscana, auf Sizilien, an der C\u00f4te dAzur oder anderen, nicht unangenehmen Gefilden anbietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird schon das Einsteigen zu einem sch\u00fcchternen Akt, klopft das Herz beim Drehen des Z\u00fcndschl\u00fcssels noch ein paar Takte schneller. Beh\u00e4big wie eine gerade munter gewordene Katze setzt sich die Giulia in Bewegung. Aus ihrem tiefen Grummeln wird bei n\u00e4herem Kennenlernen ein Schnurren. Auf Touren gebracht, l\u00e4sst sie das eine oder andere Br\u00fcllen h\u00f6ren. Es ist ein gutm\u00fctiges Br\u00fcllen. Radio ist in dem Meisterwerk von Armaturenbrett keines zu finden. Das ist gut so. Die 1570 ccm unter der Motorhaube sind ein Sounddesign-Orchester von Weltklasse. Gez\u00e4hlt werden nicht Kilometer, sondern Zypressen und winkende Passanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Braust man entlang der Kurven Richtung Mailand, ist es, als hinge man an einer Infusionsflasche, aus der ein Schlager von Adriano Celentano tr\u00f6pfelt, \"Cosi no?\" zum Beispiel. Die Giulia wird nicht gefahren, sie f\u00e4hrt einen, der eigene Hintern ist Zeuge. Der Beifahrer Salvatore Viola aus Palermo kommentiert das \u201eRoaaar\" des Julchens mit einem \u201eWooow\" und will trotz der Tatsache, dass man gerade einen Leichenwagen ohne Sarg \u00fcberholt hat, nicht aussteigen. So mancher Italiener bef\u00fcrchtet nach einer solchen Begegnung angeblich das Schlimmste. F\u00fcr alle F\u00e4lle sucht Salvatore nach Sicherheitsgurten. Er sucht vergeblich. Hauptsache, er will nicht ans Steuer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagen Sie nicht Auto zu ihr, Julchen vielleicht, aber niemals Auto. Der Designer Pininfarina nannte die sehr \u00e4hnliche kleine Schwester der Giulia, die Giulietta Spider, voller Respekt \u201ela signorina\".<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Franz\u00f6sischer Z\u00fcndfunke<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alfa Romeo ist ein Mythos. Und ein Mythos hat Geschichte: Wer glaubt, Alfa Romeo sei pures Italien, hat im Prinzip recht, abgesehen von der Tatsache, dass ausgerechnet ein Franzose diesem Mythos zumindest seinen Z\u00fcndfunken gab. Alexandre Darracq baut im Jahre 1906 eine Autofabrik in Portello, muss aber schon bald zusperren. Der Laden wird am 24. Juni 1910 vor einer Gruppe lombardischer Gesch\u00e4ftsleute \u00fcbernommen. Sie gr\u00fcnden die Gesellschaft \u201eAnonima Lombarda Fabbrica Automobili\", kurz A.L.F.A. Das war der Start f\u00fcr ein Unternehmen, dem eine beispiellose Modell- und Renngeschichte bevorstand. Der Name Romeo hat \u00fcbrigens bei aller Verliebtheit in dieser Geschichte rein gar nichts mit Shakespeares tragischem J\u00fcngling aus Verona zu tun. Es war Nicola Romeo, ab 1918 der neue Boss bei Alfa, der dem Unternehmen seinen zweiten Namen gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Spur zum Mythos Alfa f\u00fchrt ins \u201eMuseo Alfa Romeo\" in Arese bei Mailand, wo ab 1961 auf zweieinhalb Millionen Quadratmetern Alfas gebaut wurden, auch das schwarze Julchen, das vortrefflich auf den Parkplatz vor dem Museum passt. Schon seit Jahren ist es auf dem Gel\u00e4nde gespenstisch ruhig, nur noch das Museum und das historische Archiv sind hier untergebracht. Die Fahrt am uniformierten Portier vorbei gibt aber dennoch eine Ahnung davon, welche bedeutende Schranke man gerade passiert, w\u00e4hrend der Vergaser der Giulia ein bisschen h\u00fcstelt. Das Museum auf sechs Stockwerken und 5000 Quadratmetern ist die Schatzkammer von Alfa. Die Kronjuwelen bestehen aus 120 Wagen im Museum und gut 140 in den Kellern des Geb\u00e4udes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur die hier gezeigten Autos werden zur Zeitreise, auch das Museum d\u00fcrfte sich seit seiner Er\u00f6ffnung im Jahre 1976 kaum ver\u00e4ndert haben. Hier gibt es keinen Shop, keine Audio-Guides, keine Bildschirme - nicht mal Postkarten. Daf\u00fcr gibt es diese Frau an der Kassa, sie scheint wie von Fellini geliehen. Dass es trotz des Fotografierverbotes pausenlos blitzt, ignoriert sie nicht einmal. Den Hinweis, dass sich die Website des Museums www.museoalfaromeo.com im Vorfeld des Besuchs nicht \u00f6ffnen lie\u00df, l\u00e4sst sie ihre Schultern bis zu den Ohrl\u00e4ppchen<br \/>\nhochziehen. L\u00e4sst man die Signora mit dem guten Gef\u00fchl hinter sich, dass es die abgebr\u00fchte, italienische Mama noch gibt, erblickt man schlie\u00dflich die Sch\u00e4tze, die diesen Ort zum Graceland und Lourdes der Alfisti machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort steht der allererste Alfa, der \"24 HP Torpedo\" von 1910, der mehr an die Kutsche der Waltons erinnert als an ein Gescho\u00df. Zwei italienische Schulklassen h\u00e4ngen an den Lippen einer jungen Frau in Hellblau, die durchs Museum f\u00fchrt. Die Sch\u00fcler scheinen zufrieden zu sein, mit diesem St\u00fcck Italia. Zumindest ist es erstaunlich still f\u00fcr eine Meute italienischer Pubertierender. Gleich hinter der Menschentraube steht der \u201eAlfa 40\/60 Aerodinamica\" von 1914, ein fast futuristisch anmutendes Gef\u00e4hrt. Man k\u00f6nnte auch sagen, eine silberne Gondel mit Bullaugen. Schritt f\u00fcr Schritt l\u00e4sst sich so diese Zeitmaschine durch die Automobilgeschichte bedienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tollk\u00fchne M\u00e4nner<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige dieser Autos, erf\u00e4hrt man von einem Besucher, w\u00e4ren gut und gern 2,5 Millionen Euro wert. Er sagt das hinter vorgehaltener Hand. Weiter geht es zu den gro\u00dfen Modellen der 1930er-Jahre wie dem \u201e6C 2500 Sport\". Tiefer im Geb\u00e4ude parken die Flundern \u201eCarabo\" aus 1969 und \u201eCaimano\" von 1971 oder eine ganze Horde von Rennwagen, die hier ganz entgegen ihrer Bestimmung wie eingefroren ruhen. Zu sehen sind auch Plakate, auf denen tollk\u00fchne Kerle wie Derek Bell gro\u00dfe Schampusflaschen sch\u00fctteln. Am Ausgang trifft man dann noch vier Modelle aus der aktuellen Alfa-Kollektion, darunter der kleine Mito. Alle sind sie hier versammelt, bis auf Julchen in Schwarz. Das wartet brav auf dem Parkplatz. Und einen Bewacher hat es auch: Beifahrer Salvatore \u00fcbt schon das Mastroianni-L\u00e4cheln f\u00fcr die n\u00e4chste Etappe Richtung Ascona - freilich am Nebensitz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fenster des Museums thront das Alfa-Logo: Ein rotes Kreuz auf wei\u00dfem Grund steht f\u00fcr das alte Mail\u00e4nder Stadtwappen. Die m\u00e4andernde, gekr\u00f6nte Schlange, die einen Sarazenen verputzt, soll an die Kreuzz\u00fcge erinnern. Umschlossen wird all das von einem dunkel blauen Band. Manche Modelle aus dem Hause Alfa, das 1986 unter das Dach von Fiat kam, werden auch von einem vierbl\u00e4ttrigen Kleeblatt geziert. Der Rennfahrer Ugo Sivocci vertraute besonders auf diesen Gl\u00fccksklee. Am 8. September 1923 verungl\u00fcckte er im Training in Monza t\u00f6dlich. An diesem Tag war das \u201eQuadrifoglio Verde\" noch nicht auf seinem neuen Rennwagen angebracht worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Walter Laimer ist eine Option, dem Mythos von Alfa Romeo nachzusp\u00fcren. Gemeinsam mit Partner Gert Pichler gr\u00fcndete der geb\u00fcrtige S\u00fcdtiroler die bereits erw\u00e4hnte Nostalgic GmbH &amp; Co KG. \u201eIch habe meinen Wehrdienst als Mechaniker bei der italienischen Polizei in Bozen absolviert. Die hatten noch Alfettas und ausrangierte Giulias - ein Traum. Au\u00dferdem fuhr mein Vater immer Alfa. Und jedes Kind, dessen Eltern Alfa fuhren, erkannte schon am Motorenger\u00e4usch, wann Mama und Papa nach Hause kamen. Ich erinnere mich an die Geschichte, als mein Vater eine Giulia Super 1600 gekauft hat. Die kostete damals 1,995.000 Lire. F\u00fcr die 5000 Lire, die er \u00fcbrig hatte, konnte er noch volltanken. Als er seinen letzten Alfa verkaufte, war das eine Trag\u00f6die\", erz\u00e4hlt Laimer, ehe man ihn bremsen muss. Den Schmerz bez\u00fcglich Papas letzten Alfas d\u00fcrfte er \u00fcberwunden haben angesichts des Alfatierchen-Rudels von Nostalgic. Sein neuester Stolz ist eine kirschrote Giulia GTC 1600.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laimer und seinem Kompagnon ist nat\u00fcrlich bewusst, dass sie in Zeiten, in denen Bundeskanzlerin Merkel Autohersteller und Energieunternehmen zu einem Elektroautogipfel ruft, in Sachen Umweltschutz etwas vorzuweisen haben. \u201eEs gibt die Firma ,Green Miles, die unseren j\u00e4hrlichen CO2- Aussto\u00df ermittelt. Diese Werte werden umgerechnet, daraus ergibt sich eine Pr\u00e4mie, die jedes Jahr in Klimaschutzprojekte investiert wird\", erkl\u00e4rt Laimer. Das macht den Abschied von Giulia nach ein paar hundert gemeinsamen Kilometern zwar nicht wirklich leichter, n\u00e4hrt aber die Hoffnung, dass man eines Tages wieder diesen Schl\u00fcssel drehen darf, um ein St\u00fcck gro\u00dfer Automobilgeschichte wachzukitzeln. Hintern und Ohren, das wei\u00df man nun, sind die geeignetsten Instrumente, dem Mythos Alfa sehr nahezukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Text: Michael Hausenblas<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">14. Mai 2010<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfa Romeo feiert 100. Geburtstag. Ein Grund f\u00fcr RONDO, das Alfa-Museum bei Mailand zu besuchen und den Z\u00fcndschl\u00fcssel einer Giulia Spider aus dem Jahre 1964 zu drehen. Ihr dickes Blech ist schwarz wie Anna Magnanis Haar, ihre Lederpolster rot wie Campari. 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