„Auto-Freude – nach oben offen“

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Wohin man schaut – die Menschen lächeln und winken. Ein Traum? Ja und nein – denn wir fahren mit alten Alfa-Romeo-Cabrios durch die Toskana.

Wo bleibt das verdammte Stop-Schild? Genau 4,9 Kilometer sind laut Tacho absolviert und im Roadbook sagen die Zeichen eindeutig: Nach 4,9 Kilometern an der nächsten Kreuzung mit einem Stop-Schild das Örtchen Quercegrossa rechts liegen lassen und nach links abbiegen – in Richtung Siena. Es folgt 1,2 Kilometer später ein Kreisverkehr, das neue Ziel heißt dann Arezzo. 300 Meter weiter, in einer engen Kurve, tatsächlich das achteckige Verkehrszeichen: Die Beifahrerin im roten Ledersitz hebt den Daumen in die Luft – Punkt 8 von insgesamt 103 ist erreicht, damit sind 17,2 von 199,4 Kilometern der beschaulichen Toskana-Rallye abgefahren.

Rallye? Oder vielmehr rollende Beschaulichkeit? Es ist schon eine innere Wettfahrt, auch wenn die Umstände eindeutig von gemütlicher Natur sind: Die Streckenbeschreibung, das „Gebetbuch“ der Wochenend-Piloten, es leitet ein Dutzend Oldtimer der Marke Alfa Romeo über verkehrsarme toskanische Landstraßen und Wirtschaftswege. Aber wenn auch bestimmt niemand gerne als Letzter ankommt – hier geht es nicht um Zeiten und Platzierungen: Im dritten und vierten Gang wird bei Tempo 40 bis 60 die abwechselnde, ruhige Schönheit von Weinbergen und Olivenhainen genossen – auf freier Strecke kratzt der Tacho aber durchaus mal an der 100. Dafür wird die nächste, 20-prozentige (!) Steigung nur mit Mühe im zweiten Gang erklommen. Der Giulia Spider schafft das.

Und wer sich dann noch erinnert, wie das Getriebe mit Zwischengas verwöhnt wird, um die Zahnräder möglichst lautlos ineinander greifen zu lassen – der ist auf dem besten Weg, alte Technik zu begreifen: Eine Servolenkung fehlt wirklich nur beim Rückwärts-Einparken, die Bremsen verzögern spürbar erst nach vollem Tritt – das ist Fahren ohne Filter. Zur Mittagszeit wird der Wagen gewechselt – nach dem Leichtgewicht Giulietta mit 90 Pferdestärken wird für den Rest des Tags ein 2600 Touring Spider bewegt: Sechs Zylinder in Reihe erzeugen 145 PS, da ist Musik drin – aber der schwere Motor verlangt auch eine starke Hand und einen kontrollierten Gasfuß.

Investoren kaufen Oldtimer als kalkulierte Geldanlage, Playboys wollen damit Häschen fangen und die echten Liebhaber alter Autos stecken viel Finanzkraft in ein Mobil, um als Gegenleistung Gefühle zu erhalten – Walter Laimer und Gert Pichler, die beiden Gründer der Münchener Firma Nostalgic, haben seit 2003 mit ihrer Flotte von klassischen Alfa-Cabriolets einen Berufswunsch realisiert, der alle drei genannten Motive unter einen Hut bringt. Denn mal ehrlich: Was kann schöner sein, als in einem offenen Alfa Romeo Spider, dessen erotische Blechkurven aus den 60ern und „La Dolce Vita“ stammen, über die sanften Hügel der Toskana zu rollen? Ohne Servolenkung, ohne Bremskraftverstärker oder gar eine Klimaanlage – allesamt bequeme Errungenschaften, die aus dem puren Auto-Lenker früher Tage heute ein technik-verwöhntes Weich-Ei machen.

Im Laufe der Jahrzehnte ist schließlich fast alles auf der Strecke geblieben: Das erste Kennenlernen eines unbekannten Autos, das Ertasten des Kupplungsverlaufs, die Reaktion auf Gas und (vor allem) Bremse, aber auch das Kurvenverhalten und der Straßenzustands-Bericht an den „Allerwertesten“ des Steuermannes. A propos Weich-Ei – als sich am Nachmittag unserer „Tour de Toskana“ der italienische Himmel massiv bezieht und anschließend weit öffnet, sind urplötzlich fixe Hände gefragt. Manch Ungeübten kostet das Schließen des Stoff-Verdecks ein paar gesplitterte Fingernägel. Bei Blitz, Donner und Wolkenbruch offenbart die Giulia aber auch als geschlossenes Cabrio dem Regen eine Vielzahl von Zugangsmöglichkeiten. Nasse Hosen, durchweichte T-Shirts und kleine Rinnsale im Innenraum gehörten ebenso dazu wie beschlagene Scheiben in jeder Himmelsrichtung – ein Hoch auf die Putz-Tätigkeit der um Durchblick bemühten Beifahrerin. Wie es sich gehört, wird der Spaß am Alfisti-Dasein selbst durch solche Niederschläge nicht beeinträchtigt.

Auch, weil am Ende der Tour jene lukullischen Leckerbissen warten, die zum All-inklusive-Angebot von Nostalgic gehören. Für diese Toskana-Ausfahrt hatte Nostalgic im viersternigen Relais Borgo Scopeto bei Vagliagli, einem der exklusivsten Häuser der südlichen Toskana, für viel mehr als „Bed and Breakfast“ gesorgt. Die Anlage beeindruckt durch gepflegte Ruhe, sie bettet sich harmonisch in die Landschaft: Rund 500 Hektar mit Weinstöcken und Olivenbäumen werden bewirtschaftet – deren delikat-hochwertige Erzeugnisse zeigen auf dem Etikett den Namen Borgo Scopeto und rollen so elegant über die Zunge wie die Alfa-Flotte kurz zuvor auf den großen Hotel-Parkplatz.

Text: Alf Beck

24. Oktober 2009